Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 30. September 1786

d. 30. Abends. Wenn des Venetianers Leben angeht, zieh ich mich nach Hausezurück um dir etwas zu sagen. Sogar die Hausmagd warf mirs gestern vor; daß ich kein Liebhaber vom Abend spazieren sey. Heute hab ich wieder meinen Begriff von Venedig sachte erweitert.Ich habe nun den Plan, dann war ich auf dem Markusthurm,wo sich denn wohl dem Auge ein einzig Schauspiel darstellt.Es war um Mittag und heller Sonnenschein daß ich ohne Perspecktiv Nähe und Ferne genau unterscheiden konnte. DieFluth bedeckte die Lagunen. p 532 Uber den sogenannten Lido, einen schmalen Erdstreifder die Lagunen schließt, sah ich zum erstenmal das Meer undeinige Seegel drauf. in den Lagunen liegen einige Galeeren und Fregatten die zum Ritter Emo stoßen sollen, wegen ungünstigenWindes aber liegen müssen. Die Paduanischen und Vicentinischen Berge und das TyrolerGebirg, schließen gegen Abend und Mitternacht das Bild ganztrefflich schön. Gegen Abend verlief ich mich wieder ohne Führer in die entferntesten Quartiere der Stadt und suchte aus diesem Labyrinthe,ohne jemand zu fragen nach der Himmels gegend den Ausgang.Man findet sich wohl endlich, aber es ist ein unglaublichesGehecke in einander und meine Manier die beste sich davon recht sinnlich zu überzeugen, auch hab ich mir bis an die letzte Spitze das Betragen, die Lebensart, Sitten und Wesen der Einwohnergemerckt. Du lieber Gott was für ein armes gutes Thierder Mensch ist. Am Ufer ist ein angenehmer Spazirgang. Schon die drey Tage die ich hier bin hab ich einen geringen Kerlgesehen, der einem mehr oder wenig grosen Auditorio Geschichtenerzählt. Ich kann nichts davon verstehen. Es lacht aber keinMensch, manchmal lächelt das Auditorium, das, wie du dir denkenkannst, meist aus der ganz niedern Classe besteht. Auch hat er nichts auffallendes noch lächerliches in seiner Art, vielmehretwas sehr gesetztes und eine Manigfaltigkeit und Precision inseinen Gebärden, die ich erst heut Abend bemerckt habe. Ichmuß ihm noch mehr aufpassen. Auf künftigen Montag geht Opera Buffa und zwey Comödien theater auf. Da wollen wir uns auch was zu gute Thun. Ich hoffees soll besser werden als in Vicenz. Sonst kann ich dir heute nicht viel sagen. Ausser einigem Fleisan der Iphigenie, hab ich meine meiste Zeit auf den Palladio gewendet, und kann nicht davon kommen. Ein guter Geist trieb mich mit soviel Eifer das Buch zu suchen, das ich schon vor 4Jahren von Jagemann wollte verschrieben haben, der aber dafür die neuern herausgegebnen Werke kommen ließ. Und dochauch! was hätten sie mich geholfen, wenn ich seine Gebäudenicht gesehn hätte? Ich sahe in Verona und Vicenz was ich mit meinen Augen ersehen konnte, in Padua fand ich erst das Buch,jezt studier ich’s und es fallen mir wie Schuppen von den Augen,der Nebel geht auseinander und ich erkenne die Gegenstände.Auch als Buch ist es ein großes Werk. Und was das ein Mensch war! Meine Geliebte wie freut es mich daß ich mein Leben demWahren gewidmet habe, da es mir nun so leicht wird zum Grosen überzugehen, das nur der höchste reinste Punckt des Wahrenist. Die Revolution, die ich voraussah und die jetzt in mir vorgeht,ist die in jedem Künstler entstand, der lang emsich der Natur treu gewesen und nun die Uberbleibsel des alten grosen Geistserblickte, die Seele quoll auf und er fühlte eine innere Art vonVerklärung sein selbst ein Gefühl von freyrem Leben, höhererExistenz Leichtigkeit und Grazie. Wollte Gott ich könnte meine Iphigenie noch ein halb Jahr in Händen behalten, man sollt ihr das mittägige Clima noch mehranspüren.

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