Normalzeugnis Zeugnis

Schiller an W. v. Humboldt 5. 10. 1795 (SNA 28, 70)

Heute ritt Göthe zu mir herüber und ist soeben wieder abgereißt. Nächsten Donnerstag geht er mit einem Auftrag vom Herzog nach Frankfurt, wo er einige Wochen zu bleiben gedenkt. Er grüßt Sie freundlichst und wird Ihnen bald schreiben. In den letzten Wochen war er so beschäftigt, daß er das Zimmer kaum verließ, weil Unger Manuscript haben wollte, und er über seinen italienischen Sachen den Rest des VI Buchs von Meister hatte liegen lassen. Er will mir vor oder auf der Reise eine kleine Schrift der Madame Stael von der Erfindung (nur etliche Bogen stark) übersetzen, welches wir dann, mit einigen Anmerkungen convoyiert, in die Horen setzen wollen. Sonst ist für dieses Jahr schwerlich mehr etwas von ihm zu erwarten. Ihre längere Abwesenheit beklagt er sehr. Auch der Anatomie wegen hat er sich auf Ihr Hierseyn im Winter gefreut. Würden Sie Sich dazu entschließen können, ihm Ihr Logis zum AbsteigsQuartier zu erlauben, wenn er den Winter eine Zeit lang hier zubrächte? ... Göthe wird Sömmering in Frankfurth aufsuchen, und mir von der feuchten Seele schreiben. Was für seltsame Dinge doch die Sucht nach dem Neuen und Außerordentlichen ausheckt! Hier die Elegie Würde der Frauen. Ich habe sie heute auch Göthen gelesen, auf den sie sehr gewirkt hat.

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