Normalzeugnis Zeugnis
J. H. Jung-Stilling an F. Lersé 6. 3. 1780 (Pfälzische Geschichtsblätter 1909 Nr. 4, 30)
Ein Kleeblatt vom Lauth’ischen, ehemals merkwürdigen Tisch ist noch übrig; Goethe, Du und ich. Die andern alle sind entweder – Werkeltagsmenschen oder ihr Feuer ist schon verraucht. Salzmann gehört nicht in diese Reihe, er war ruhiger Beobachter und Freund, in dessen Schoß wir spielten. Mayer von Lindau lebt in Wien, ungeliebt, unbekannt, still und gewiß nicht vergnügt. Sein kochender Geist ist versprudelt ... Gerhardi hab’ ich verloren, ich – weiß gar nicht, wo er ist. Vielleicht ist seine kleine Kraft in Wetzlar – im Wust alter Acten in Gährung gekommen und vollends gar sauer geworden. Goethe – nun das weiß alle Welt! Der hat mir oft bange gemacht, aber denk’ Bruder! Die Anmerkung ist mir oft über ihn eingefallen. Wenn ein Mensch auch nichts anders als Genie ist, gar keine Stätigkeit, keine Schwerkraft hat, die ihn nach dem Mittelpunkt zieht – so treibt ihn der Wind durch alle Lüfte um, er flackert, lodert, niemand kann sich an seinem Feuer erwärmen, noch durch sein Licht geleitet werden. Doch glaub’ ich noch immer, er wird noch ein brauchbarer Mann werden. Er war’s noch nicht. Weiter hat er noch nichts gethan, als daß er wie ein wilder ungeheurer Mastochse auf der Wiese herumgeeilt und vorne und hinten in die Höhe sprang, da krochen dann hundert Frösche neben einander an’s Ufer hin, mochten gerne alle so Ochsen seyn, pausten und dehnten sich, daß es zum Erbarmen war. Darüber haben wir andere Geschöpfe nun zwar herzlich gelacht. Aber, Bruder Lersé, das ist gar ein kleines Verdienst, auf fetter Weide umherzugaukeln und die Leute lachen machen. Wird er aber einmal zahm, so daß sein Herzog mit ihm pflügen kann; nun dann gieb’ Achte, was aus Goethe wird.
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