Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 3. September 1786
d. 3 Sept früh 3 Uhr stahl ich mich aus dem Carlsbad weg, man hätte mich sonst nicht fortgelassen. Man merckte wohl daß ich fort wollte; die Gräfinn L. setzte auch einen entsetzlichen Trumpf drauf; ich lies mich aber nicht hindern, denn es war Zeit. Ich wollte schon den 28ten. das ging aber nicht, weil an meinen Sachen noch viel zu thun war.
Um halb 8 in Zwota schöner stiller Nebelmorgen. No. 1.
um 12. in Eger bey heisem Sonnenschein. Der Morgen war bedeckt gewesen, die oberen Wolcken streifig und wollig, die unteren schwer; es hielt sich das Wetter bey Süd West Wind. Gedancken darüber. Das Wetter gab schon den 2ten gute Anzeichen. Siehe das weitere in der Note a fol.
Ich fand daß Eger dieselbe Polhöhe wie Franckfurt hat und freute mich einmal wieder nahe am 50 Grade zu Mittag zu essen. Von Karlsbad bis Zwota der quarzhaffte Sandstein; der Weg nach Maria Culm geht auf einem aufgeschwemmten Gebirg hin. Bis Eger Plaine und Feldbau.
In Bayern stößt einem gleich das Stifft Waldsassen entgegen, ein köstlich Besitzthum derer die früher als andre klug waren. Es liegt in einemr fruchtbaren Teller- |: um nicht zu sagen Kessel :| Vertiefung , in einem schonen Wiesengrunde, rings von fruchtbaren sanften Anhöhen umgeben und hat im Lande weit Besitzungen. Der Boden ist aufgelöster Thonschiefer, den der Quarz, der sich im Thonschiefer befand und nicht aufgelöst ist, locker macht. Es liegt zwar noch hoch aber anmutig und die Felder sind fruchtbar.
Bis gegen Tischenreuth steigt das Land noch, und die dah die Waßer fliesen einem entgegen, nach der Eger und Elbe zu; von Tischenreut an fältlt nun das Land südwärts ab und die Wasser lauffen nach der Donau.
Tischengreut um fünfe. Treffliche Chaussee von Granitsand, eslaäßt sich keine vollkommner dencken. Die Gegend durch die sie geht desto schlechter, auch Granitsand, flach liegend, moorig pp. Da nunmehr gute Chaussee ist und das Land abfällt, kommt man mit unglaublicher Schnelle fort, die gegen den böhmischen Schneckengang recht absticht. Ich war halb neun in Weyda, Nachts 1 Uhr in Wernberg, halb dreye Schwarzenfeld, halb fünfe Schwandorf, halb achte Bahnholtz, um zehen in Regenspurg und hatte also diese 12 ¼ Posten oder 24 ½ Meile in 31 Stunden zurückgelegt.
Von Schwandorf gegen Regenstauff zu, da es anfing Tag zu werden, bemerckte ich die Veränderung des Ackerbodens ins bessere. dDen Regenfluß herauf, hatte, in Uuralten Zeiten, Ebbe und Fluth aus der Donau herauf gewürckt und so diese natürlichen Polders gebildet, die wir nun benutzen. Es ist dieses in der Nachbarschafft aller grosen Flüsse bemercklich. Ich glaube ich habe dir schon davon gesprochen.
Regenspurg liegt gar schön, die Gegend mußte eine Stadt hierher locken. Auch haben sich die Geistlichen Herrn wohl possessionirt.; alles Feld um die Stadt gehört ihnen, und in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und Stifft gegen Sh Stifft über.
Die Donau hat mich an den alten NMayn erinnert. Bey Franckfurt präsentirt sich Fluß und Brüke besser, hier sieht aber das gegenüberliegende Stadt am Hof recht artig aus.
Die Jesuiten Schüler gaben heut ihre iährliches Schauspiel, ich besuchte es gleich, sah den Anfang des Trauerspiels und das Ende der Oper. Sie machten es nicht schlimmer als eine angehende Liebhaber Truppe. Und waren recht schön, fast zu prächtig gekleitdet. Auch dies und das Ganze, wovon einmal mündlich, hat mich von der Jesuiten groser Klugheit auf’s neue überzeugt; und es ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstacto denckt, sondern so es ist eine Freude an der Sache dabey, ein Mit und Selbstgenuß, wie er auchs dem Gebrauch des Lebens entspringt.
Wie freut michs daß ich nun ganz in den Catholicismus hineinrücke, und ihn in seinem Umfange kennen lerne.
Wärest du nur mit mir, ich wäre den ganzen Tag gesprächich, denn die schnelle Abwechslung der Gegenstände giebt zu hundert Beobachtungen aAnlaß. Offt wünsch ich mir Fritzen und bin und bleibe allein.
Wie glücklich mich meine Art die Welt anzusehn macht ist unsäglich, und was ich täglich lerne,! und wie doch mir fast keine Existenz ein Räthsel ist. Es spricht eben alles zu mir und zeigt sich mir an. Und da ich ohne dDiener bin, bin ich mit der ganzen Welt fFreund. Jeder Bettler weist mich zu rechtxx und ich rede mit den Leuten die mir begegnen, als wenn wir uns lange kennten. Es ist mir eine rechte Lust.
Heute schreib ich dir accurat unterm 49ten Grade und er laßt sich gut an, der Morgen war kühl und man klagt auch hier über Nässe und Kälte, aber es war ein herrlicher gelinder Tag, und die Luft die ein groser Fluß mitbringt ist ganz was anders.
Das Obst ist nicht sonderlich, doch leb ich der hoffnung es wird nun kommen und werden. Auch habe ich einem alten Weibe, das mir am Wasser begegnete, für einen Kr Birn abgekauft und habe solche wie ein andrer Schüler publice verzehrt. Nun gebe Gott bald Trauben und Feigen. Ein Grundriß von Regensb. und das Jesuitenspiel sollen hier beyliegen.
NB. Jesuiten kirchen, Türme, Dekoration überhaupt! Etwas groses in der Anlage, das allen Menschen insgeheim Ehrfurcht einflöst. Gold, Silber Metall und Pracht, daß der Reichthum die Bettler aller Stände blenden möge, und hie und da etwas abgeschmacktes, daß die Menschheit versöhnt und angezogen werde. Es ist dies überhaupt der Genius des Catholischen äussern Gottesdiensts, noch hab ich’s aber nicht mit so viel Verstand, Geschick und Geschmack und soviel Consequenz ausgeführt gesehn, als bey den Jesuiten und alle ihre Kirchen haben eine Ubereinstimmung. In der Folge mehr.
Wie sie nicht die alte, abgestümpfte Andacht der andern Ordensgeistlichen fortgesetzt habensondern mit dem Genio Säkuli fortgegangen sind.
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