Normalzeugnis Zeugnis

Eckermann, Gespräche 7. 10. 1827 (Houben1 S. 520)

Goethe: „Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einem geliebten Mädchen mich überfiel, und ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam.“ „Es wurde mir in meinem Stübchen unruhig, sagte sie, ich konnte mir nicht helfen, ich mußte hieher.“ „So erinnere ich mich eines Falles aus den ersten Jahren meines Hierseyns, wo ich sehr bald wieder in leidenschaftliche Zustände gerathen war. Ich hatte eine grössere Reise gemacht und war schon seit einigen Tagen zurückgekehrt, aber durch Hofverhältnisse, die mich spät bis in die Nacht hielten, immer behindert gewesen die Geliebte zu besuchen. Auch hatte unsere Neigung bereits die Aufmerksamkeit der Leute auf sich gezogen und ich trug daher Scheu am offenen Tage hinzugehen, um das Gerede nicht zu vergrössern. Am vierten oder fünften Abend aber konnte ich es nicht länger aushalten und ich war auf dem Wege zu ihr und stand vor ihrem Hause ehe ich es dachte. Ich ging leise die Treppe hinauf und war im Begriff in ihr Zimmer zu treten, als ich an verschiedenen Stimmen hörte, daß sie nicht alleine war. Ich ging unbemerkt wieder hinab und war schnell wieder in den dunkelen Straßen, die damals noch keine Beleuchtung hatten. Unmuthig und leidenschaftlich durchstreifte ich die Stadt in allen Richtungen wohl eine Stunde lang und immer einmal wieder vor ihrem Hause vorbei, voll sehnsüchtiger Gedanken an die Geliebte. Ich war endlich auf dem Punkt wieder in mein einsames Zimmer zurückzukehren, als ich noch einmal an ihrem Hause vorbeiging und bemerkte, daß sie kein Licht mehr hatte. Sie wird ausgegangen seyn! sagte ich zu mir selber; aber wohin in dieser Dunkelheit der Nacht? und wo soll ich ihr begegnen? Ich ging abermals durch mehrere Straßen, es begegneten mir viele Menschen und ich war oft getäuscht, indem ich ihre Gestalt und ihre Größe zu sehen glaubte, aber bei näherem Hinzukommen immer fand daß sie es nicht war. Ich glaubte schon damals fest an eine gegenseitige Einwirkung und daß ich durch ein mächtiges Verlangen sie herbeiziehen könne. Auch glaubte ich mich unsichtbar von höheren Wesen umgeben die ich anflehte ihre Schritte zu mir, oder die meinigen zu ihr zu lenken. Aber was bist du für ein Thor! sagte ich dann wieder zu mir selber. Noch einmal es versuchen und noch einmal zu ihr gehen wolltest du nicht und jetzt verlangst du Zeichen und Wunder!“ „Indessen war ich an der Esplanade hinunter gegangen und bis an das kleine Haus gekommen, das in späteren Jahren Schiller bewohnte, als es mich anwandelte umzukehren und zurück nach dem Palais und von dort eine kleine Straße rechts zu gehen. Ich hatte kaum hundert Schritte in dieser Richtung gethan, als ich eine weibliche Gestalt mir entgegenkommen sah, die der ersehnten vollkommen gleich war. Die Straße war nur von dem schwachen Licht ein wenig dämmerig, das hin und wieder durch ein Fenster drang, und da mich diesen Abend eine scheinbare Ähnlichkeit schon oft getäuscht hatte, so fühlte ich nicht den Muth, sie auf’s Ungewisse anzureden. Wir gingen dicht an einander vorbei, so daß unsere Arme sich berührten; ich stand still und blickte mich um, sie auch. „Sind Sie es?“ sagte sie. Und ich erkannte ihre liebe Stimme. Endlich! sagte ich, und war beglückt bis zu Thränen. Unsere Hände ergriffen sich. Nun! sagte ich, meine Hofnung hat mich nicht betrogen. Mit dem größten Verlangen habe ich Sie gesucht, mein Gefühl sagte mir, daß ich Sie sicher finden würde, und nun bin ich glücklich und danke Gott daß es wahr geworden. „Aber Sie Böser! sagte sie, warum sind Sie nicht gekommen? Ich erfuhr heute zufällig daß Sie schon seit drei Tagen zurück, und habe den ganzen Nachmittag geweint weil ich dachte Sie hätten mich vergessen. Dann vor einer Stunde ergriff mich ein Verlangen und eine Unruhe nach Ihnen, ich kann es nicht sagen. Es waren ein paar Freundinnen bei mir, deren Besuch mir eine Ewigkeit dauerte. Endlich als sie fort waren, griff ich unwillkürlich nach meinem Huth und Mäntelchen, es trieb mich in die Luft zu gehen, in die Dunkelheit hinaus, ich wußte nicht wohin. Dabei lagen Sie mir immer im Sinn, und es war mir nicht anders als müßten Sie mir begegnen.“ Indem sie so aus treuem Herzen sprach, hielten wir unsere Hände noch immer gefaßt und drückten uns und gaben uns zu verstehen, daß die Abwesenheit unsere Liebe nicht erkaltet. Ich begleitete sie bis vor die Thür, bis in ihr Haus. Sie ging auf der finstern Treppe mir voran, wobei sie meine Hand hielt und mich ihr gewissermaßen nachzog. Mein Glück war unbeschreiblich, sowohl über das endliche Wiedersehen, als auch darüber, daß mein Glaube mich nicht betrogen und mein Gefühl von einer unsichtbaren Einwirkung mich nicht getäuscht hatte.“

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