Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, Lit. Zustände 1, 139
(Nach einem Abendessen bei Wieland, am 8. Oct. 1791.) ... In seinem Studirzimmer ist Alles merkwürdig. Unter dem Spiegel zwischen den zwei Fenstern steht eine vortreffliche Figur eines sitzenden, mit der römischen Toga bekleideten Voltaire, vom großen Houdon in Paris in Holz geschnitzt, ungefähr in der Höhe eines Fußes. Der Anblick dieser Figur lenkte das Gespräch auf V., von welchem Wieland mit Entzücken und Begeisterung sprach und gradezu erklärte, daß nie ein Mensch eine solche allgemeine Revolution in der Ideenwelt mit weniger gewaltsamer Erschütterung hervorgebracht habe (Luther’s Reformation kostete Tausenden das Leben) als Voltaire. Ehrgeiz war die einzige Triebfeder seiner Handlungen. Hätte ihn dieser nicht noch im 80sten Jahre nach Paris gepeitscht, so lebte er vielleicht noch ...
Wieland ist ein trefflicher Familienvater. Sein ältester Schwiegersohn, der Rath Reinhold, war eben mit seiner Frau und einem lieben Kinderpärchen aus Jena da. Wie wir zuerst ins Zimmer traten, war die ganze Familie beieinander. „Dies ist meine älteste Tochter,“ sagte er und präsentirte die Reinhold; „dies meine jüngste,“ die kaum fünf Jahr alt sein konnte und von der ältesten Enkeltochter kaum ein Jahr Abstand hatte.
Auch über die Ursachen wurde gesprochen, warum man in hiesiger Gegend so wenig erträgliche Gesichter unter den Bauermädchen fände. Wieland fand die vorzüglichste in dem vielen Kuchenfressen, da es jährlich wol acht Festtage gibt, wobei der Magen mit Kuchenteig vollgestopft wird. Goethe bemerkte, daß die hier überall gewöhnliche Sitte, jede Last auf dem Rücken zu schleppen, den Körperwuchs zerdrücke und platte Physiognomien hervorbringe. Bei den alten Griechen und in Italien trügen die Mädchen Alles auf dem Kopf. Es gebe eine sehr angenehme Form im Umrisse, ein schlankes Mädchen mit einem gut geformten Wasserkruge auf dem Kopfe mit größter Leichtigkeit einhergehen zu sehen. In Italien gebe es auch, die Seehäfen ausgenommen, selbst unter dem männlichen Geschlechte, wenig Lastträger und Crocheteurs. Der ärmste Kohlgärtner halte doch seinen Esel, den er früh mit Gewächsen beladen hereintreibe und dafür den Dünger empfange, den er wieder in sein Gärtchen aus der Stadt hinausschleppe.
Goethe’s Erzählung von dem aus zwei natürlichen Felsen gehauenen Theater von Taormina in Sicilien. Die Alten benutzten die Natur zu solchen großen Werken, daher Goethe auch die Geschichte mit dem Sosthenes, der dem Alexander die architektonische Gasconade gemacht haben soll, nicht so ganz unwahrscheinlich fand. (Le voyage pittoresque par Mr. Houel sehr empfohlen.) Übrigens versicherte mich Goethe, was ich auch von andern Reisenden so oft bestätigt gehört habe, daß unter den niedern Volksclassen in Italien noch fast durchaus die Sitten, Denkart und Gebräuche wiedergefunden werden, wie wir sie in den alten Schriftstellern bezeichnet finden. Auch die Religion ist überall auf heidnische Superstition gepflanzt. – Vom ungesunden Klima in Rom. Überall gibt es Häuser daselbst, die wegen der mal’ aria nicht bewohnt werden. Oft ist es jedoch nur Vorurtheil. Man könne mit Recht sagen, daß die Römer aus Drang und Noth Welteroberer geworden wären, weil es ihnen zu Hause in ihrem inficirten Neste nicht gefallen konnte. Doch sei es glaublich, daß bei der stärkeren Cultur der campagna di Roma vorzeiten das Klima weniger Krankheitsstoff in sich gehabt habe. – Einige Engländer haben den Einfall gehabt, die Tiber in ein anderes Bette um Rom herumzuleiten, um in ihrem ausgetrockneten Bette Schätze versenkter Alterthümer wiederzufinden. Es ist dies aber ein der Lage Roms nach unmögliches Unternehmen. Die Tiber hat übrigens gewiß allein den ältesten Bewohnern Roms Anlaß gegeben, das auf dem hohen Berg göttlich liegende Alba zu verlassen und sich in diesem Sumpfloch anzusiedeln, welches ohne diesen Bewegungsgrund ein Unternehmen von lauter Tollhäuslern gewesen wäre.
Goethe bereiste Italien vorzüglich der Kunst wegen. Seinem Kennerauge ist hier nichts entgangen. So wurde z. B. die Frage aufgeworfen, wie die Alten bei ihren Riesengebäuden die ungeheuern Steinmassen in solche Höhen hinaufgebracht hätten? Hier sagte Goethe, daß er in Sicilien einen unvollendeten Tempel gesehn hätte, wo an den Quadersteinen noch auf beiden Seiten die Henkel sichtbar gewesen wären, um welche man die Seile geschlungen und die man alsdann beim Aneinanderpassen abgeschlagen habe. Übrigens habe man lauter solche schneckenförmig auflaufende Gerüste gehabt, wie sie in Merian’s Bilderbibel noch um den babylonischen Thurm herum zu sehen wären. – Goethe bewundert auf den alten Münzen die schönen festen Umrisse aller Formen, z. B. auf den Münzen von Tarent den Delphin. Aber auch hier hat er über Verhältnisse und Proportionen treffliche Beobachtungen angestellt. So frappirte ihn z. B. lange die Bildung eines Menschenkopfs an einem Stierleib auf mehren Münzen des untern Italiens, wo ein schönes Menschengesicht doch einzig auf den Körper eines Ochsen paßt. Allein das Geheimniß besteht darin, daß der Künstler zwischen den festen hervorstehenden Theilen des Gesichts ungewöhnlich verlängerte Zwischenräume angebracht hat, sowie im Gegentheil beim non plus ultra weiblicher Schönheit, der mediceischen Venus, jene Zwischenräume außerordentlich verkürzt sind.
Es ist Wonne, Goethe über solche Gegenstände mit lichtvoller Präcision sprechen zu hören. Wieland spricht viel weitschweifiger, sowie seine Perioden in Prosa auch sehr auseinanderfließen ...
Auf meine Frage, mit welcher Lieblingsidee jetzt seine Wielands Schriftstellerei beschäftigt sei, sagte er mir, daß es mit dieser ziemlich zu Ende sei. Er pflege sich gern mit Bileam’s Esel zu vergleichen, der nur durch göttlichen Antrieb gesprochen habe. Er müsse auch warten, bis ihn der Geist treibe, und dieser statte ihm jetzt weit seltner Besuche ab.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch