Normalzeugnis Zeugnis
Falk an K. Morgenstern Dez. 1796 (Sintenis S. 11)
Goethe und Wieland zusammen zu sehen ist eine wahre Herzenslust. Ich spreche sie Beide beinah täglich und Goethen fast noch mehr wie Wieland. Sie sind jetzt enger verbunden wie jemals. Wieland schüchtern, verlegen, jungfräulich, der von Winkel zu Winkel schleicht, immer durch Umwege geht und bald nach seiner Schnupftabaksdose, bald nach seinem Schnupftuch greift, dabei immer im Begriff sich selber zu verlieren und dagegen Goethe fest, männlich einherschreitend, die Hände am Leibe etwas steif herunterhängend, zuweilen beinah so, als ballte er die Fäuste und wollte Männiglich in der Gesellschaft zu Boden rennen. So ihr Körper und ihre Seele; ihre Art zu sein und sich auszudrücken beinahe eben so verschieden. Wieland mit aller Bedachtsamkeit des Alters und einer grenzenlosen Bonhommie immer auf seiner Hut, Alles zum Besten deutend, so ganz seinem gefühlvollen Herzen und seiner zarten Organisation hingegeben, daß er selbst einen Vatermörder entschuldigen würde, weil es ihm unendlich weh thut die Menschheit so unendlich heruntergesunken zu sehen – – kurz ein Mensch, der mit Körper und Seele zugleich, vermöge einer angeborenen jungfräulichen Schüchernheit, überall ausweicht und anzustoßen fürchtet, der sich bei einer jeden Hausthür (moralisch und physisch genommen) tief und krumm zusammenbückt, weil er sich für alle zu groß scheint; da hingegen Goethe so prall und grade hinläuft, als wollte er jeden Schlagbaum nieder- oder seinen eigenen Kopf einrennen. Neulich im Club z. B. gerieth Wieland in einen liebenswürdigen, mit etwas Possirlichkeit untermischten Eifer, daß die jungen Leute so viel Thee tränken, da doch Thee offenbar schwäche.
Nun vergleiche diese Art zu disputiren psychologisch mit meinen vorigen Behauptungen. Wieland, wenn ihm Goethe so ein Paradoxon in den Weg wirft, stutzt und steht eben so verlegen da, als wenn ihm plötzlich Jemand den Weg verliefe oder Stirn an Stirn mit ihm zusammenstieße. – – – Herder hab ich noch nicht gesprochen, will auch nicht. Ich sah ihn bei Goethe. Seine breite, pfäffische Sinnlichkeit widersteht mir.
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