Normalzeugnis Zeugnis
C. F. Meyer, Eine Goethe-Anekdote; Mittheilung für H. Haessel 26. 10. 1897 (Frey2 2, 213)
Auf der rechten Seite der untern Hälfte des Zürichsees liegen neben einander zwei Landhäuser: „Mariahalde,“ wo Graf Benzel-Sternau sein Leben beendigte, und die „Schipf,“ welche Jakob Escher, ein genialer Maschinen- fabrikant, besaß. Diesen kannte ich noch in seinen letzten Lebensjahren – er überschritt die Achtziger. Als mich der greise Escher einst durch den Schipfsaal führte, erzählte er mir, Goethe habe – zu Ende des vorigen Jahrhunderts – auf einem Besuche in der Schipf, von seinem Freunde Meyer, dem „Kunschtmeyer“, wie ihn später die Weimarer hießen, gebracht, diesen Saal, in dessen Hintergrund er eine Orgel erblickte, mit den lustigen Worten: „Hier muß man tanzen“ betreten und dann den ganzen großen Raum im Tanzschritte durchmessen.
Natürlich wollte ich nun mehr von Eschers Beziehungen zu Goethe wissen. Der alte Herr hatte aber – den Eindruck der imponirenden Erscheinung seines Gastes ausgenommen – nicht viel zu erzählen; nur ein Geschichtchen hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtniß gegraben. Ich lasse ihn selbst reden in der vagen Form, deren sich der Greis bediente, die ich aber, Wort um Wort, verbürgen kann:
Wir machten, berichtete er, einen Ausflug von Zürich nach der gute zwei Stunden entfernten Albishöhe. Vor dem Thore der Stadt – damals war Zürich noch befestigt – betraute Goethe einen jungen Mann, der ihn begleitete, mit einem Fernrohre. „Tragen Sie dazu Sorge!“ schärfte er ihm ein. Als wir auf dem Rückwege wieder vor dem Thore anlangten, fragte Goethe den jungen Herrn: „Wo haben Sie das Perspectiv?“ Dieser befühlte seine Taschen, nirgends war es zu finden. „Es liegt auf dem Tischchen vor dem Spiegel im Eßsaale des Albishauses.“ „Gehen Sie gleich zurück und bringen Sie es!“ Der junge Mann ging.
Das fand ich etwas hart, schloß Escher sein Geschichtchen, aber Goethe wollte seinem jungen Begleiter eben eine tüchtige Lehre geben.
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