Normalzeugnis Zeugnis

Charlotte v. Stein an J. G. Zimmermann 8. 3. 1776 (Petersen2 1 II S. 531)

Ich solte gestern mit der Herzogin Mutter zum Wieland gehn, weil ich aber furchte Goethen da zu finden that ichs nicht. Ich habe erstaunlich viel auf meinen Hertzen daß ich den Unmenschen sagen muß. Es ist nicht möglich mit seinen Betragen kömt er nicht durch die Welt; Wenn unßer sanffter Sittenlehrer gekreutzget wurde, so wird dieser bittere zerhackt. Warum sein beständiges pasquilliren, es sind ja alles Geschöpffe des grosen Wesens das duldet sie ja, und nun sein unanständges betragen mit Fluchen mit pöbelhafften niedern Ausdrücken. Auf sein moralisches so bald es aufs Handeln ankomt, wirds vielleicht keinen Einfluß haben, aber er verdirbt andre; der Herzog hat sich wunderbahr geändert, gestern war er bey mir behaubtete daß alle Leute mit Anstand mit Manieren nicht den Namen eines ehrlichen Mannes tragen könten, wohl gab ich ihn zu daß mann in den rauhen Wesen offt den ehrlichen Mann fände aber doch wohl eben so offt in den gesitteten; daher er auch niemanden mehr leiden mag der nicht etwas ungeschliffnes an sich hat. Das ist nun alles von Goethen von den Menschen der von tausende Kopff, und Hertz hat, der alle Sachen so klar ohne Vorurtheile sieht so bald er nur will der über alles kan Herr werden was er will. Ich fühls Goethe und ich werden niemahls Freunde; auch seine Art mit unßern Geschlecht umzugehn gefält mir nicht er ist eigendlich was man coquet nent es ist nicht Achtung genug in seinen Umgang. Zerreißen Sie meinen Brief, es ist mir als wenn ich eine Undankbarkeit gegen Goethen damit begangen hätte, aber um keine Falschheit zu begehn wil ichs ihm alles sagen sobald ich nur Gelegenheit finde.

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