Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 11. September 1786

d 11. früh. Ich fahre in meiner Erzählung fort. Am 9. Abends als ich mein erstes Stück an dich geschlossen hatte, wollte ich noch die Herberge zeichnen aber es ging nicht, ich verfehlte die Formen und ging halb mismutig nach Hause. Mein Wirth fragte mich ob ich nicht fortwollte? es sey Mondscheinp und ob ich wohl wüßte daß er die Pferde morgen frühbrauchte und sie also bis dahin gerne wieder zu Hause gehabt hätte, sein Rath also eigennützig war; so nahm ich doch weil es mit meinem innern Trieb übereinstimmte ihn als gut an, dieSonne lies sich wieder blicken, und es war eine sehr leidlicheLufft. Ich packte ein und um sieben fuhr ich vom Brenner weg. Wie ich gehofft hatte, ward die Athmosphäre Herr der Wolcken undder Abend gar schön. Der Postillon schlief ein und die Pferde liefen den schnellstenTrab bergunter immer auf dem bekannten Wege fort, kamen siean ein eben Fleck ging’s desto langsamer, er erwachte und trieb und so kam ich sehr geschwind zwischen hohen Felsen, an den treißenden Etsch Fluß hinunter. Der Mond ging auf und beleuchteteungeheure Gegenstände. Einige Mühlen über dem reißendenStrom waren völlige Everdingen. Wenn ich dir sie nurvor die Augen hätte stellen können. Um 9 kam ich nach Sterzingen und man gab mir zu verstehendaß man mich gleich wieder weg wünschte, um 12 in Mittelwaldwar alles im tiefen Schlafe ausser den Postillons um halb 3in Brixen eben so, daß ich mit dem Tage in Colman ankam. Soleid es mir that, diese interessanten Gegenden, mit der entsetzlichen Schnelle, |: die Postillon fuhren daß einem oft Hören undSehen verging :| und bey Nacht wie der Schuhu zu durchreisen;so freute mich’s doch, daß wie ein Wind hinter mir her blies undmich meinen Wünschen zujagte. Mit Tags Anbruch erblickt ich die ersten Rebhügel, eine Frau mit Birn und Pfirschen begegnete mir so gings auf Deutschen, wo ich um 7 Uhr ankam und endlich erblickt ich bey hohemSonnenschein, nachdem ich eine Weile Nordwärts gefahren war, das Thal worinn Botzen liegt. Von steilen Bis auf eine ziemliche Höhe bebauten Bergen umgeben, ist es gegen Mittag offen, gegen Norden von den TyrolerBergen bedeckt, eine milde sanfte Luft füllte die Gegend, derEtsch Fl. wendet sich hier gegen Mittag wieder. Die Hügel amFuß der Berge sind mit Wein bebaut. Uber lange niedrige Laubensind die Stöcke gezogen und die blauen Trauben hängen gar zierlich und reich von der Decke herunter. Auch in der Flächedes Thals, wo sonst nordwärts Wiesen sind, wird der Wein insolchen eng aneinander stehenden Reihen von Lauben gebaut,dazwischen das Türckische Korn, Ital. Fromentass oder weiterhin Fromentone genannt, das nun immer höher wächst. Sie sprechen es Formentass aus und Formenton ist die Blende derenich oben gedacht. Ich habe es offt zu 9–10 Fus hoch gesehn. Die zaseliche männliche Blüte ist noch nicht abgeschnitten, wie esgeschieht wenn die Befruchtung eine Zeitlang vorbey ist. Bey heißem Sonnenschein nach Botzen, wo alles von der Messe lebte. Die vielen Kaufmanns gesichter freuten mich beysammen,ihr absichtliches wohlbehägliches Daseyn druckt sich recht lebhaftaus. Auf dem Platze saßen Obstweiber mit Körben 4 bis 4 ½ Fus im Durchschnitt, flach, worinn die Pfirschen neben einander lagen, eben so die Birn. Hier fiel mir ein was ich in Regensburg amFenster des Wirthshauses geschrieben fand Comme les peches et les Melons Sont pour la bouche d’un Baron Ainsi les verges et les batons Sont pour les fous dit Salomon. Daß ein nordischer Baron dieses geschrieben, ist offenbar und daß er in diesen Gegenden seine Begriffe verändern würde istauch natürlich. Die Messe zu Botzen ist starck an Seiden vertrieb, auch Tücher pwerden dahin gebracht und was sonst an Leder pp aus den Gebürgen und der Gegend zusammengebracht wird. Auch kommen die Kaufleute vorzüglich dahin ihr Geld einzukassiren. Ich eilte fort damit mich nicht irgend einer erkennte, und hatteohne dies nichts da zu thun – Zwar wenn ich es recht gestehe; soist es der trieb und die Unruhe die hinter mir ist; denn ich hättegern mich ein wenig umgesehen und alle die Produckte beleuchtet die sie hierher zusammenschleppen. Doch ist das meinTrost, alles das ist gewiß schon gedruckt. In unsern statistischenZeiten braucht man sich um diese Dinge wenig zu bekümmernein andrer hat schon die Sorge übernommen, mir ists nur jetztum die sinnlichen Eindrücke zu thun, die mir kein Buch und kein Bild geben kann, daß ich wieder Interesse an der Weltnehme und daß ich meinen Beobachtungsgeist versuche, undauch sehe wie weit es mit meinen Wissenschafften und Kenntnissengeht, ob und wie mein Auge licht, rein und hell ist, wasich in der Geschwindigkeit fassen kann und ob die Falten, die sich in mein Gemüth geschlagen und gedrückt haben, wiederauszutilgen sind. Komm ich weiter; so sag ich dir mehr. Schon jetzt daß ich mich selbst bediene immer aufmercksam,immer gegenwärtig seyn muß, giebt mir diese wenige Tage her eine ganz andre Elasticität des Geistes. Ich muß mich um den Geldkurs bekümmern wechseln bezahlen,notiren, dir schreiben, anstatt daß ich sonst nur dachte, wollte,sann, befahl und dicktirte. Von Botzen auf Trient |: die Stationensiehe fol :| gehts in einem immer fruchtbaren und fruchtbarern Thal hin. Alles was höher hinauf nur zu vegetiren anfängt hat nun hier schon alles mehr Krafft und Leben manglaubt wieder einmal an einen Gott. NB. arme Frau die mich bat ihr Kind in den Wagen zu nehmenweil ihm der heise Boden die Füße brenne. Sonderbarer Putz des Kindes. Ich redet es Italiänisch an, es sagte daß sie kein Deutschverstehe. Die Etsch fließt sanfter, macht an vielen Orten breite Kiese, aufdem Lande nah am Fluß und an den Hügeln ist alles so ineinander gepflanzt daß man denckt es müßte eins das andre ersticken. Weingeländer, Mays, Haidekorn, Maulbeerbaume,Fruchtbäume Nuß und Quittenbäume. Uber die Mauern wirftsich der Attich lebhafft herüber, der Epheu wächst in starckenStämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit über sie unddie Eidexe schlüpft über die Steine weg. Könnt ich nur mit dir dieser Gegend und Luft geniesen in derdu dich gewiß gesund fühlen würdest. Auch was hin und her wandelt erinnert einen an die liebstenBilder. Die aufgewundnen Zöpfe der Weiber, die blose Brust undleichten Jacken der Manner, die treflichen Ochsen die sie vom Marckte nach Hause treiben, die beladnen Eselgen alles machteinen immer lebenden und sich bewegenden Heinrich Roos . Und nun wenn es Abend wird und bey der milden Luft wenigeWolcken an den Bergen ruhn, am Himmel mehr stehn als ziehn,und gleich nach Sonnen Untergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt! Es ist mir als wenn ich hiergebohren und erzogen wäre und nun von einer GrönlandsfahrtVon einem Wallfisch fang zurückkäme. Alles ist mir willkommauch der Vaterländische Staub der manchmal starck auf denStrasen wird und von dem ich nun solang nichts gesehen habe. Das Glocken oder vielmehr Schellengeläute der Heuschreckenist allerliebst durchdringend und nicht unangenehm. Lustig klingts wenn muthwillige Buben mit einem Feld vollHeuschrecken um die Wette pfeifen. Es ist als wenn sie einanderwürcklich steigerten. Heute ist wieder ein Herrlicher Tag, besonders die Milde der Luft kann ich dir nicht ausdrücken. Wenn das alles jemand läse der im Mittag wohnte, vom Mittagkäme würde mich sehr kindisch halten. Ach was ich da schreibehab ich lang gewußt, seitdem ich mit dir unter einem bösenHimmel leide, und jetzt mag ich gern diese Freude als Ausnahme fühlen, die wir als eine ewige Naturwohlthat immer genießensollten. Das übrige siehe in den angehängten Noten die ich der Bequemlichkeithalber fortsetzen und mit eben den Buchstaben wiebeym ersten Stück bezeichnen will. Trient Ich bin in der Stadt herumgegangen die uralt ist undin einigen Strasen neue wohlgebaute Häuser hat. In der Kirche hängt ein Bild, wo das versammelte Concilium einer Predigt desJesuiten Generals zuhört. Ich mögte wissen was er ihnen vorgesagthat. Ich trat in die Jesuiten Kirche, die sich von aussen gleich durchrothe Marmor Pilastres auszeichnet, ein großer Vorhang hängtnahe an der thüre herunter den Staub von aussen abzuhalten,ein eisernes Gitter schliest die Kirche von einer kleinen Vorkirche, so daß man alles sehen, weiter hinein aber nicht kommen kann. Es war alles still und ausgestorben, die Thüre nur auf weilzur Vesperzeit alle Kirchen geöffnet sind. Wie ich so dastehe undüber die Bauart, die ich den bekannten Kirchen ähnlich fandnachdachte; kommt ein alter Mann mit einem schwarzen Käppgenauf dem Kopfe das er sogleich abnimmt, und in einem langen schwarzen für Alter vergrauten Rock herein, kniet vordem Gitter nieder, und steht nach einem kurzen Gebet wiederauf. Wie er sich umkehrt sagt er halb laut für sich: da haben sienun die Jesuiten herausgetrieben, sie hätten ihnen auch zahlensollen was die Kirche gekostet hat, ich weis wohl was sie gekostet hat, und das Seminarium wie viele tausende |: indeß war erwieder den Vorhang hinaus, ich trat an den Vorhang sah an derSeite hinaus und hielt mich stille, er war auf der Kirchschwellestehen geblieben :| der Kayser hats nicht gethan, der Papst hatsgethan, fuhr er fort mit dem Gesicht nach der Strase gekehrt und ohne mich zu vermuthen. Erst die Spanier, dann wir, danndie Franzosen |: er nannte noch einige :| Abels Blut schreyt über seinen Bruder Kain! – und so ging er die Treppe hinab immermit sich redend die Straße hin. Ich vermuthe daß es entweder selbst ein Jesuite, oder einer densie erhalten war und der über den ungeheuern Fall des Ordensden Verstand mag verlohren haben, der nun jetzt kommt in dem leeren Gefäß die alten Bewohner zu suchen und nach einemkurzen Gebet ihren Feinden den Fluch zu geben. Mein Begleiter zeigte mir mit Verwundrung ein Haus das man das Teufels haus nennt wozu in einer Nacht der Teufel die Steinenicht nur hergebracht sondern es auch aufgebaut haben soll. Das Teuflischte daran bemerckte er aber nicht das ist: daß es daseinzige Haus von einem guten Geschmacke ist das ich in Trientgesehn habe. Es ist aus einer alten Zeit aber gewiß von einemguten Italiäner aufgeführt. Abends um 5 Uhr ab nach Roveredo. Wieder das Schauspiel von gestern Abend und die Heuschreckendie gleich bey Sonnenuntergang zu schrillen anfingen. Manfährt wohl eine Meile von der Stadt zwischen Mauern überwelche die Traubengeländer sich sehen laßen, andre die nichthoch genug sind hat man mit Steinen, Reisig und andern Künsten erhöht um das Abrupfen der Trauben den Vorbeygehendenzu wehren, viele Besitzer besprengen die vordersten Reihen mitKalck der die Trauben dem Essen unangenehm macht und demMagen feind ist, dem Wein aber nicht schadet, weil er durch dieGährung wieder heraus muß. Das schöne Wetter dauert fort. Es war sehr heiß als ich um 3 Uhr vor die Stadt und auf die Brückespaziren ging. Mir ists wie einem Kinde, das erst wieder lebenlernen muß. Es macht schon hier niemand mehr die Thüren zu,die Fenster stehn immer offen pp Es hat kein Mensch Stiefeln an, kein Tuch Rock zu sehn. Ich komme recht wie ein nordischer Bär vom Gebirge. Ich will miraber den Spas machen mich nach und nach in die Landstrachtzu kleiden.

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