Normalzeugnis Zeugnis
D. Veit an Rahel Levin 20./21. 10. 1794 (Varnhagen2 1, 243)
Wenn Sie mir jemals gefehlt haben, ... so war es gestern, nachdem ich Goethe drei Viertelstunden hindurch ununterbrochen gesprochen hatte, und noch mehr den Abend nach der Komödie in Weimar ...
Goethe hat mich erstaunlich freundlich aufgenommen, hat sich angelegentlich nach Maimon erkundigt, und über sehr viel Dinge mit mir gesprochen. Es ist wahr, daß er älter geworden, aber nicht zu seinem Nachtheil, wie Reichardt gesagt haben soll; er ist etwas magerer, und bleich im Gesicht; die Nase sieht länger aus, und die ihm gewöhnliche steife Stellung wird um so auffallender; nichtsdestoweniger ist er außerordentlich freundlicher Gesichter und der heitersten Laune fähig. Er hat viel über Maimon mit mir gesprochen, über Dichtkunst, Philosophie, Genie und andere Materien mehr. – Doch ehe ich etwas Besonderes erzähle, muß ich Ihnen die Ursache der Unruhe erzählen, die Sie in diesem ganzen Briefe gewiß wahrnehmen werden, und Sie bitten, mir Ihre Meinung aufrichtig zu offenbaren. Hier ist die traurige Geschichte: Beim Weggehen sagte mir Goethe: „Besuchen Sie mich, wenn Sie wieder nach Weimar kommen; komme ich nach Jena – und ich denke bald – so will ich schon nach Ihnen fragen. Wenden Sie sich immer an mich, sobald Sie etwas suchen; den Hofrath Gruner will ich bitten, daß er Ihnen Bücher leiht“ u.s.w. Ich. „Ich danke Ihnen recht sehr, Herr Geheimerath; aber ich muß gestehen, daß ich wirklich Anstand genommen habe, zu Ihnen zu kommen, ich weiß, wie sehr Sie von Fremden inkommodirt werden!“ u.s.w. Das nahm er wohl auf, und ich ging. Den Abend wurde in Weimar der Diener zweier Herren zu meiner Verwunderung recht hübsch gespielt; besonders gefiel mir das Ensemble des Spiels, und die sichtliche Einigkeit der Schauspieler unter einander. Goethe war auch im Theater, und zwar, wie immer, auf dem Platz des Adels. Mitten im Spiel gehet er von diesem Platze weg – was er sehr selten thun soll – setzt sich, so lange er mich nicht anreden konnte, hinter mir (wie mir meine Nachbarinnen erzählt haben), und so wie der Akt zu Ende ist, kommt er vor, macht ein äußerst verbindliches Kompliment, und fängt in einem recht vertraulichen Ton an: „Das ist ein recht vorzüglich Stückchen; o! es ist schon sehr alt, und von Goldoni; der Schröder hat’s in’s Kurze gezogen für die Hamburger Bühne, und alle Theaterschwänke sind recht gut darin benutzt.“ Ich. „Ja wohl, und ich habe noch keine Unanständigkeit gehört.“ Goethe. „Kommt auch keine.“ – Hierauf fängt er an, einen Augenblick zu schweigen; indem vergesse ich, daß er Theaterdirektor ist, und sage: „Sie spielen es auch recht hübsch.“ Er sieht noch immer grade aus, und so sage ich in der Dummheit – aber wirklich in einer Empfindung, die ich mir noch nicht zu zergliedern weiß – noch einmal: „Sie spielen recht hübsch.“ In dem Augenblick macht er mir ein Kompliment, das aber wirklich wie das erste so verbindlich war, und fort ist er! Habe ich ihn beleidigt, oder nicht? Hat so etwas viel zu sagen? Unbescheiden war es in jedem Fall; Vorwürfe machen Sie mir nur nicht mehr; denn Sie können gar nicht glauben, wie ich noch immer geängstigt bin, ohngeachtet ich schon von Humboldt, der ihn jetzt genau kennt, die Versicherung habe, daß er oft so schnell weggeht, und Humboldt es schon auf sich genommen hat, noch einmal mit ihm von mir zu sprechen.
Die Menschen in Weimar sagen alle, ich müsse Eindruck auf ihn gemacht haben; so etwas thäte er nur seinen Lieblingen; Humboldt schreibt es einer ungewöhnlichen Laune und seiner Liebe für Maimon zu. Denken Sie nun – erst das Vergnügen, und nun die Angst! ...
Den 21. Oktober
... Eben heute kommt ein simpler, sehr glaubhafter Mensch aus Weimar zu mir, der mir folgendes diskursive erzählt: „Der Rath Hufeland ... war gestern bei uns, Herr Israel sagte ihm von Ihnen, und der Rath hat geantwortet: „O ich freue mich recht sehr auf den Menschen, der Geheimerath Goethe hat mir viel von ihm erzählt.“ ...
Nun meine angenehmen Vorfälle mit Goethe. Ich war vormittags hingegangen, vorsätzlich zu einer Zeit, wo er immer zu Hause ist, und sich niemals sprechen läßt, und hatte den Brief dem Bedienten mit dem Bedeuten gegeben: daß ich nachmittags um drei Uhr wiederkommen würde, um zu fragen, ob mir der Herr Geheimerath die Ehre erzeigen wollte, mich zu sprechen. Das war, dünkt mich, eine ausgerechnete Höflichkeit. Um drei Uhr kam ich, und der Bediente führte mich in das Besuchzimmer.
Goethe (aus einer andern Stube). Sie haben mir einen Brief von Herrn Maimon gebracht? Ich. Zu Befehl. Goethe. Heißen? Ich. Veit. Goethe. Ich freue mich recht sehr. Ich. Ich hatte schon vor anderthalb Jahren die Ehre, Sie zu sehen, durch eine Empfehlung des verstorbenen Hofraths Moritz. Goethe. Ach ja! Auch ist mir Ihr Gesicht recht bekannt. Nun wie geht es denn Herrn Maimon? – Ich sagte ihm hierauf sein jetziges Verhältniß, und daß er nebenher von dem geringen Ertrag seiner Schriften lebt. Goethe. Ei, ei! und er schreibt so starke Sachen, und so hübsch. Ich. Ja, und hat das schwerste Fach. Goethe. Ganz gewiß, das schwerste von allen; man kennt ihn gar nicht so recht; das Publikum ist gar klein; ich wollte, er käme her. Ich. Haben Sie seine neue Theorie gesehen, Herr Geheimerath? Goethe. O wohl; er hat mir auch seinen Plan zur Erfindungslehre geschickt; das muß er ausführen. Ich. Er wünscht, sich mit mehr Gelehrten verbinden zu können. Goethe. Hm, warum? Sehen Sie, in wissenschaftlichen Sachen ist so etwas gar nicht nöthig; so wie ich da eine Idee habe, kann und muß ich sie jedem sagen; wie einer das Schema sieht, weiß er schon, was er erwarten kann; in ästhetischen ist es umgekehrt; wenn ich ein Gedicht machen will, muß ich es erst zeigen, wenn es fertig ist, sonst verrückt man mich, und so bei allem was Kunst ist. – Hierauf sprach er mit mir von Jena eine lange Zeit. Dinge, die zu weitläuftig würden. Dann sagte ich ihm, daß Maimon den Plan hätte, ein neues Wörterbuch der schönen Künste herauszugeben, und spielte hinten herum auf ihn als Mitarbeiter heran. Goethe. Ja, sehen Sie, Moritz wollte das auch, und der war lebhaft; dem habe ich schon gesagt, daß es noch zu frühe ist; erst müssen die Philosophen die Prinzipia in Ordnung gebracht haben, und wie jetzt die Gährung ist, das wissen Sie. Man könnte da viel schreiben, und manches aufwärmen, das will man nicht; und in sechs oder acht Jahren wäre das Neue wieder verworfen; das ist doch auch nichts. Moritz kehrte sich nicht daran, und seinen Beistand kann man keinem hübschen Unternehmen versagen; aber ein Lexikon, das ist zum Nachschlagen, für Leute, die keine weitläuftige Sachen lesen, und ist kein Buch für Erfindungen. Soll es Theorie der Künste sein? Künste müssen ausgeübt werden, es sei nun Poesie, Mahlerei, oder was sonst. Der die Regeln giebt, der muß sehr langsam sein, und der Künstler – kann wieder nicht warten, und muß sich an etwas halten; dazu ist nun freilich das Genie. Das Genie kommt mir immer vor, wie eine Rechenmaschine; die wird gedreht, und das Resultat ist richtig; sie weiß nicht warum? oder wie so? –
Ich sprach immer viel dazwischen, und kam ihm oft zu Hülfe; denn er kann sich gemeinhin auf viele Wörter nicht besinnen, und macht beständig Gesichter. „Bisher, sagte er unter andern, hat man sich in der Theorie häufig auf empirische Regeln, auf Erfahrungssätze eingelassen, und immer in den Künsten gesprochen, wie die Sachen erscheinen müssen, nicht wie sie sein müssen, und wie man sie machen soll. Ja, hören Sie, das kommt mir vor, als wenn einer in’s Theater gehet, und das Stück gefällt ihm. Nun denkt er, wie natürlich ein jeder: Du möchtest wohl auch ein schön Stück schreiben, und schreibt nach dem Effekt. Ja, lieber Gott! der bringt nichts heraus; man muß wissen, wie viel unangenehme Theile dazu gehören, bis ein Ganzes angenehmen Effekt macht. Kurz: so wie die Leute reden und schreiben, das heißt meistentheils, ein Stück als Zuschauer schreiben; hinter die Bühne muß man, man muß die Maschinen und die Leitern kennen.“ Ist das nicht rührend? Es kommt mir jetzt vor, als kenne ich alle große Männer aller vergangenen Zeiten.
Ein göttliches Kind hat Goethe. Kohlschwarze Augen, sprechende Physiognomie, und wahres Goldhaar, das gar keine Lust zum Dunkelwerden hat. – Die Vulpius ist ihm nicht angetraut.
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