Brief

Von Friedrich Schiller (9. bis 11. Juli 1796)

1796 Juli 9 S. sei es sehr lieb, daß er jene zwey Punkte habe klar machen können. Das, was G. seinen realistischen Tic nenne, gehöre zu seiner poetischen Individualität, und es komme nur darauf an, aus dieser subjektiven Eigenheit einen objektiven Gewinn für das Werk zu ziehen. In diesem müsse alles liegen, was zu seiner Erklärung nöthig ist, [...] aber wie fest oder locker es zusammenhängen soll, darüber müsse G.s eigenste Natur entscheiden. Dem Leser dürfe das Suchen nicht erspart bleiben. - Weitere Anmerkungen zu Details des Romans und zu einigen seiner wesentlichen Figuren. - Die im 7. Buch zufällig weggebliebene zweyte Hälfte des Lehrbriefs könnte im achten Buch [...] mit ganz andern Vortheilen nach gebracht werden, indem G. sie dazu benützen könnte, den philosophischen Gehalt des Werkes [...] darinn nieder zu legen. - G.s im Roman deutlich werdende Frontstellung gegen die Metaphysic habe S. mit Zufriedenheit bemerkt. S. bedauert dennoch, daß der Philosophie eine so geringe Rolle bei der Entwicklung Wilhelm Meisters zugewiesen werde. So sei diese Entwicklung nur auf Grund der aesthetischen Richtung möglich geworden, die G. in dem ganzen Roman genommen habe. Innerhalb der aesthetischen Geistesstimmung regt sich kein Bedürfnis nach jenen Trostgründen, die aus der Speculation geschöpft werden müssen; sie hat Selbstständigkeit. Unendlichkeit in sich [...]. Allerdings besitze Wilhelm Meister jene aesthetische Freiheit noch nicht so ganz. Käme er also einmal ins Speculative hinein, so möchte es, bey diesem Mangel eines philosophischen Fundaments, bedenklich um ihn stehen. Angesichts der gegenüber Wilhelm Meisters Persönlichkeit erhobenen Forderung nach vollkommener Selbstständigkeit frage es sich, ob er entweder Realist genug sei, um nie nöthig zu haben, sich an der reinen Vernunft zu halten, oder ob andernfalls für die Bedürfniße des Idealisten nicht etwas mehr gesorgt seyn müsse. S. wolle G. nicht in die Philosophie hinein [...] treiben, sondern nur veranlassen, die Materien quaestionis nicht zu umgehen. - Weitere Anmerkungen zu Einzelheiten des Romans. 1796 Juli 1 C. S. erwarte stündlich die Niederkunft seiner Frau. Trotzdem könne sein Sohn Karl in Jena bleiben. - Dank für die "Mémoires de la vie de François de Scepeaux Sire de Vieilleville et Comte de Duretal" von V. Carloix (Paris 1757) und L. A. Muratoris "Rerum Italicarum scriptores" (Mailand 1723-1751), - A. W. Schlegel sei wieder mit seiner Frau Karoline nach Jena gekommen.

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