Brief
Von Wilhelm Brenner (31. August 1775)
B. habe G. in Zürich bei Lavater und J. K. Pfenninger gesehen, mit denen er befreundet sei. Daher erlaube er sich, ihm seine Gedanken über "Die Leiden des jungen Werthers" zu schreiben. G. dürfe ihm seine Offenheit nicht übelnehmen. Das Motto auf dem Titelblatt Ach der heiligste von unsern Trieben, warum quillt aus ihm die grimme Pein? rufe schon B.s Widerspruch hervor; denn der heiligste von unsern Trieben sei die Liebe zu Gott, aus der nur das höchste Vergnügen hervorquelle. Werthers Liebe aber sei wider die göttliche Ordnung und wider die Vernunft und darum voller Pein. Lotte sei das Eigenthum Alberts, Werther hätte beim Aufkeimen seiner Neigung sofort ihren Umgang meiden sollen. So aber sei sein Untergang ganz natürlich erfolgt, und man dürfe das Schicksal nicht anklagen. B. könne Werther nur bedauern, nicht aber bewundern. B. könne z. B. nicht König von Frankreich sein; jeder der etwas begehrt das ihme nicht gebührt, sei für wahnsinnig zu halten. - Trotz seiner heftigen Kritik am "Werther" wolle B. aber G. lieben als einen Menschen, für den Christus gestorben sei.
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