Normalzeugnis Zeugnis

Varnhagen, Gespräche mit Goethe von J. P. Eckermann (Varnhagen5 1, 495)

Die Fürstin von Hohenzollern fragte ihn 1823, ob er denn noch nicht in Berlin gewesen sei? Er verneinte es. Nachher war aber von Wilhelm von Humboldt die Rede und von seiner jetzt sehr verschönerten Besitzung in Tegel: „Ach ja, meinte Goethe, da haben wir einst einen frohen Tag verlebt.“ Die Fürstin rief aus: „So? da waren Sie denn doch wohl auch in Berlin?“ worauf Goethe ganz gelassen und lächelnd erwiederte: „Da sehen Sie, wie man sich doch zuweilen verschnappt!“ Er wurde dann aber sehr ernst, und brach das Gespräch ab; man sah wohl, daß er an jene Anwesenheit nicht erinnert sein wollte. – Er war allerdings in früherer Zeit in Berlin, wohin er den Herzog begleitet hatte ... Friedrich der Große jedoch wollte von ihm nichts wissen und sprach auch gar nicht mit ihm, weil er ihn als Verfasser des Werther und des Götz von Berlichingen nur für einen Förderer des Ungeschmacks hielt. Die Gelehrten aber zu besuchen, fiel Göthe’n gar nicht ein; was hätte er mit den Nicolai, Ramler, Engel, Zöllner, Gedike, Erman, Castilhon, und so weiter, für Gespräch und Ausbeute haben können? ... Humboldt besuchte er in Tegel, aber dieser war noch ein junger Mann, und zählte noch nicht unter die Notabilitäten. Diese aber, in ihrem Stolze gekränkt, daß der geniale Dichter sie vorüberging, spürten ihm nun eifersüchtig seine andren Wege nach, und verbitterten ihm durch üble Nachrede den kurzen Aufenthalt in Berlin vollends. Daher seine Abneigung, dies Andenken hervorzurufen und zu besprechen.

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