Normalzeugnis Zeugnis

Wieland an Goethe 3. 3. 1799 (JbGG 13, 66)

Ich betrachte die Dissonanz unsrer Urtheile über die gestrige Oper Palmira von Salieri, womit ich deine Ohren gestern Abend beym Ausgang aus dem Schauspielhaus zur bösen Stunde überraschte, wie einen ungewöhnlich harten Accord in einem Mozartischen Musikstück, der, auch wenn er unaufgelößt bliebe, durch die Harmonie des Ganzen so sehr bedeckt und verschlungen wird, daß er selbst dem empfindlichsten Ohr nur einen Augenblik von unangenehmer Empfindung machen kann. Sollte aber gleichwohl noch etwas zwischen Uns aufzulösen seyn, und glaubst du, wie ich aus Deiner freundlichen Einladung schließe, daß dies bey einem poculo amicitiae am besten geschehen könne, so werde ich mich morgen zur gehörigen Zeit um so bereitwilliger bey Dir einfinden, da ich dadurch der übeln Laune loß zu werden hoffe, die mich gestern, von dem Augenblik an, da wir uns gute Nacht wünschten, anstatt über mich selbst, über ich weiß nicht welche Götter zürnen machte, die es so zu fügen beliebten, daß Du, lieber Bruder, gerade der erste seyn mußtest, der mir in den Wurf kam, da ich mich unwiderstehlich genöthigt fand, meinen Unmuth über meine von Signor Salieri (vermuthlich ohne seine Schuld) getäuschte Erwartung in corpora quaeque auszuschütten.

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