Normalzeugnis Zeugnis
P. Götze, Tagebuch 3. 4. 1790 (WA III 2, 15. 329f.)
Den 3ten Morgens weil sich der Wind wieder gelegt, wurde wieder eine Spazierfahrt auf dem Rialto nach der Schule von St. Roc gemacht, wo zuerst die Kirche, hernach aber die Schule besehen wurde, wo wir Goethe und Götze außer denen schönen und guten Gemählden von Tindorett noch an den Schrankthüren die ganze Lebensbeschreibung des hl. Roc auf das sauberste aus Holz geschnitten antrafen. Von da sind wir in die Schule der Carità gefahren wo wir gleichfalls schöne Gemälde, in einer kleinen Kapelle aber rechts am Saale eins von Titian antrafen, welches das schönste was ich noch auf der ganzen Reise gesehen habe.
Rechter Hand durch den Hof zeigt sich ein neuer prächtiger Anblick: nehmlich ein Gebäude von Balladius, welches wegen seiner besondern Bauart alle Aufmerksamkeit verdient. Das ganze Gebäude von 3 Stock Säulen über einander ist von Backsteinen, Säulen, Architrav und Gebälke, ausgenommen die Säulenfüße und Capital, welches aus Kalkstein gearbeitet ist, doch ist alles mit einer außerordentlichen Accuratesse und Fleiß gearbeitet.
Besonders merkwürdig aber ist das Architrav, welches auch ganz von Backsteinen, und einen großen Bogen unter und eine Last auf sich hat; um diesen nun einen Halt zu geben, hat er den Kragstein, welcher sonst zur Sprengung des Bogens dient, in den Architrav, und auf den Bogen gelegt, doch so, daß derselbe gerad umgekehrt, und also macht, daß sich das Architrav selbst, doch allemal auf dem Centrum der Säule, sprengt.
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