Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, *Lit. Zustände 1, 70 (LB Dresden)
Den 25 Decembr. 96. Göthe ließt mir? seinen Hermann und Dorothea. Warum ist das Städtchen so leer, so öde die Straßen? ... Die Abgesandten gehn, nachdem H. ihnen zuvor das Mädchen durch eine meisterhafte Schilderung kenntlich gemacht hat. So weit laß Göthe auch den vierten Gesang vor ...
Göthe gieng seit 2 Jahren mit diesem Süjet schwanger, und versuchte es erst als Drama, dann als eine Idyllenreihe. Aber grade durch diese vorbereitenden Studien wurde er erst des Gegenstandes ganz mächtig, u. konnte nun alle diese mühsamen Vorbereitungen wie Blüthenblätter zu einem Fruchtknoten schließen ...
Die Charaktere der handelnden Personen sind aus der Menschenklasse genommen, die in unsern Tagen allein noch Individualität und Naturgepräge haben, und doch ist es keine phantastische Idyllenwelt. Es sind die sogenannten Honoratioren einer kleinen Stadt, wie sie leiben und leben. Dieß, sagte Göthe, ist Voßens Verdienst, ohne dessen Luise dieß Gedicht nicht entstanden seyn könnte ...
Man fühlt es, daß der Dichter bis auf das Sylbenmaaß selbst, in dem er sich bewegt, Schöpfer war, und seyn wollte. Jeder Vers mahlt, und doch ist kein Gedanke an kindische Ziererey. Freilich, um alles zu verstehn, müßte man den göttlichen Rhapsoden sein Gedicht selbst deklamiren hören.
Wohl mir, die heutige Weihnachtsfreude war die genußreichste meines Lebens!
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