Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, *Lit. Zustände 1, 29

Gesellschaft den 17. Febr. 1792. Der Geh. Rath Göthe las zuerst einen kleinen gedruckten Aufsatz von Hofrath Moritz vor: Grundlinien zu meinen Vorlesungen über den Styl. Berlin, 1791, ein halber Bogen. Alles dreht sich um den sehr einleuchtend dargestellten Grundsatz herum: Man muß sich erst, so viel wie möglich, vom Ausdruck ab auf die Gedanken hinkehren. Diesen, wenn sie deutlich und mit Interesse gedacht sind, folgen die Worte selbst. Eigentlich ein Commentar zu den Worten des Horaz: rem praevisam verba sequentur. Einzelne bekannte Sätze sind sehr treffend ausgedruckt z. B. der 12te: „So lange man noch nicht im Stande ist, die Hauptsache in wenig Worten zu bezeichnen, hat man auch den Hauptgesichtspunkt für das Ganze noch nicht ausgefunden“, und der 18te: „Wer beim mündlichen oder schriftlichen Vortrag seine Gedanken nie von der Hauptsache abschweifen läßt, denkt richtig; wer die Richtung seiner Ideen schnell verändern kann, denkt lebhaft; wer aber blos seine Ideen schnell verändern kann, denkt gar nicht.“´ Nach diesem Leitfaden hat nun Moritz, wie uns Göthe dann noch im Diskurs mittheilt, seine Vorlesungen schon angefangen. Sie werden alle einzeln gedruckt. Einige davon hat Göthe schon in Händen, und wird uns davon gelegentlich etwas mittheilen. In einer der letzten hat er eine Stelle aus Werthers Leiden meisterhaft kommentirt. Ich las hierauf eine Abhandlung über die im Alterthum zu findenden Spuren von der allgemeinen Sitte roher Menschen, sich zu bemahlen u. zu tättowiren, vor. Die einäugigten Cyklopen mahlten sich das eine Auge an die Stirn. So mehrere vorgeblich einäugige Nationen. Gemahlte Bildsäulen der Griechen u. Römer. Gestreifte Zeuge. Nachahmung dieser barbarischen Sitte. – Wieland will die Abhandlung ins Aprilstück des deutschen Merkurs aufnehmen. Der Kammerherr v. Knebel ... unterhielt uns hierauf mit einer hinreisend geschriebenen Abhandlung, der er selbst den Titel gab: Wohlwollen, Werthschätzung, Höflichkeit, eine moralische Rhapsodie ... Der wackere Knebel, dem der Herzog laut seinen Beifall zu erkennen gab, hat mir diese Vorlesung mitzutheilen versprochen. Der Bergrath Buchholz verband hierauf mit einer kleinen Vorlesung ein chemisches Experiment. Eine Flasche mit faulem Selterwasser erfüllt das ganze Zimmer mit häßlichem faulen Eiergeruch. Es mußte sogleich geräuchert werden. Durch einen beigemischten Zuschlag von Kohlenstaub ward sogleich dieser Geruch getilgt, und durch eine kleine Eindünstung ihm auch sein stechender Geist so gut wiedergegeben, daß man zwischen dem frischesten neuen Selterwasser und diesem restituirten nicht den geringsten Unterschied finden konnte. Die ganze Operation ist eben so leicht, als wohlfeil, und ihre Wichtigkeit wird dann erst einleuchten wenn man bedenkt, daß oft ganze Schiffsladungen solches Wasser z. B. nach Ostindien, nach Batavia, wo jeder rechtliche Mann fast nichts anders trinkt, auf der weiten und warmen Reise ganz umschlagen, die nun durch dieß ganz einfache Mittel vollkommen rehabilirt werden können. Der Geh. Rath Voigt vertheidigt hierauf in einer sehr beziehungsvollen Abhandlung zuerst die neue Preußische Legislation, die aus dem vorliegenden alten nichts ganz neues schaffen konnte. Er stellt hierauf eine doppelte sehr artige Vergleichung an. Einmal die Geschichte der Justinianischen Gesetzgebung mit der Preußischen. Natürlich erhielt hier die übereilte Compilation des Tribonianus und seiner Genossen nicht den Vorzug über die langsam gereifte und durchgeprüfte Preußische Legislation. Beiläufig wurde des Kaisers Justinians Karackter berührt. Seine Bulerin Theodora beherrschte ihn, und schwang sich bis zu seiner Gemahlin. Er war, oder wollte wenigstens sehr fromm seyn, baute Kirchen, und glaubte damit seine Wollüste abzukaufen, wenn er ein Pfaffenknecht wäre. Dieß alles wurde so künstlich gestellt, daß uns allen das neue Gegenstück in der Dönhoff- und der Wölnerisch-Oswaldischen Clique handgreiflich vor Augen stand, und doch wurde niemand genannt. Zum zweiten wurden einige Stellen aus dem Römischen und Preußischen Gesetzbuch buchstäblich gegen einander gehalten. Der Herzog hatte auf dem jetzigen Landtag den Ständen den Antrag gemacht, die neue Preußische Legislation über den Punct anzunehmen: wie der andere sein wildes Wasser von höher liegenden Feldern und Wiesen über die Besitzungen des Nachbars hin ableiten dürfe, worüber die Pandecten sehr unzulänglich, die neuen Pr. Gesetze aber äuserst bestimmt und zur Beförderung der Landeskultur zweckmäsig entscheiden. Die Stände hatten indeß keine Ohren gehabt. Darum nahm Voigt gerade diesen Punct, und nachdem er die Gesetze aus beiden Gesetzbüchern vorgelesen und mit einander verglichen hatte, hob er die Einwürfe, die allenfalls noch gegen die weisen Preußischen Vorschriften gemacht werden könnten. Es lag in dem ganzen Aufsatz ein feines Compliment für den Herzog. Um diese etwas trockne Materie für die Zuhörerinnen geniesbarer zuzurichten, wurden am Ende noch einige Lächerlichkeiten und Naivitäten, die in den Pandekten und Codex Just. vorkommen, aufgetischt z. B. daß vidua und virgo einerley sein könnte, daß zur Wolle auch die Ziegen, Haasen und Gänsewolle gehöre, daß die Statthalter und Gerichtspfleger darauf angewiesen werden, sie sollten sich nicht darnach richten, wie es in der Hauptstadt zuginge, sondern, wie es da zugehn sollte, eine Vermahnung, schloß unser Vorleser, die auch heut zu tage den Amtleuten und Aufsehern kleinerer Provinzialdistrikte mit Hinsicht auf größere und kleinere Haupt- und Residenzstädte zugerufen werden müste. Hierauf theilte uns der Legations Rath Bertuch aus den neuesten Französischen Missionsberichten aus China eine Nachricht von den so gerühmten und hellen Chinesischen Farben oder Pigmenten mit, die unsere Maler sich so oft vergeblich wünschten. Der Pater Bourgeois hat nun einem Freund in Frankreich, der ihm darüber geschrieben hat, diese Farben ihrer Zurichtung und Chinesischen Benennung nach sehr genau beschrieben. Diese Beschreibung und Namen erhielten wir nun im lehrreichen Auszug. Die Chinesen lassen sie auch auser Lands gehn, und nun kann sie ein jeder Künstler durch Schwedische, Holländische oder Englische Chinafahrer unter dem rechten Namen unmittelbar aus China kommen lassen. Die schönste rothe Farbe Tchin-keng-tou wird aus gefärbten und imbibirten Kattunläppchen wieder ausgekocht und die Brühe muß auf einem porcellanen Teller wieder evaporiren. Am Schluß hatte Hr. Mayer, der Schweizer Maler, der bei Göthe wohnt, und viele Jahre in Italien zugebracht hat, sein neuestes Gemälde holen und vor uns aufstellen lassen. Mayer hat nach den neuen prismatischen Versuchen von Göthe das Colorit eingerichtet, und man muß gestehn, es that auch jetzt am Abend unerwartet herrliche Wirkung. Aber auch von der Seite des Gegenstandes und der Composition verdient dieß schöne Stück die laute Bewunderung, die besonders beide Herzoginen darüber äuserten. Es stellt die Gebrüder Castor und Pollux vor, wie sie beide zu gleicher Zeit die zwei Töchter des Leucippus rauben. Beide holde Mädchen liegen ihren Räubern schon in den Armen, halten sich aber von oben noch fest umschlungen. Dieß und die dahinter stehenden Roße machen eine herrliche, reiche Gruppe. Köpfe und das ganze Costum sind nach ächten Antiken. Wieland stand mit unbeschreiblichem Enthusiasmus lange vor diesem Bilde, zeigte uns, welche Vorzüge dieß für die so oft wiederholten Vorstellungen des Sabinerinnenraubs hätte, und nannte es ein Stück von seinem Heidnischen Evangelium. Unter andern Fremden lernte ich heute hier auch den vor kurzem erst aus Paris zurückgekommenen Graf Beust kennen ... Er erzählte uns von seinen Grundsätzen und Erfahrungen Manches, und macht besonders über Dresden sehr treffende Bemerkungen, warum dort keine solche literarische Zirkel zusammenkämen.

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