Brief

Von Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée (3. Dezember 1814)

Freude über G.s Wohlbefinden und Erinnerung an den gemeinsamen Aufenthalt in Heidelberg (24. September bis 11. Oktober), an den B.s Brief anknüpfen möchte. - Von G.s durch die Betrachtung unserer Sammlung angeregten Rückkehr zur Kunstgeschichte versprächen sich alle Kunstfreunde recht viel Schönes und Lehrreiches; Angebot, G. zu unterstützen. Das Verzeichnis der Sammlung, das B. für G. erarbeite, sei durch den Köllner Thurm in Darmstadt (G. Mollers Baupläne) verzögert worden; erwähnt: M. Boisserée. - Kunsthistorische Betrachtungen anknüpfend an die Diskussionen mit G. in Heidelberg, u.a. über die Kontinuität der Motivwahl bei biblischen Figuren in der römischen und byzantinischen Kunst. B. wolle sich nun verstärkt dem gelobten Lande zuwenden; erwähnt: Schillers Ballade "Der Taucher". - B.s Studien belegten die Beibehaltung der Züge und der Bildung einzelner Figuren von den Anfängen bis ins 15. Jahrhundert und die Beschränkung auf wenige Figuren und Motive. Ausführliche Darstellung der Entwicklungslinien. - Über die Notwendigkeit, neben der Abstammung der Gestalten auch die Ableitung der Compositionen der Kunstwerke zu untersuchen, freylich graut mir auch nicht minder vor der Schwierigkeit derselben. - Vorschläge für die weitere Beschäftigung mit kunstgeschichtlichen Themen am Beispiel des Schweißtuchs der Veronika; erwähnt: Kaiser Konstantin, J. Gretser "De imagibus non manufactis opus", die 2. Auflage von C. G. von Murrs "Beschreibung der vornehmsten Merkwürdigkeiten der Reichsstadt Nürnberg", F. G. Freitag "De sudario Veronicae" im 1. Band von J. Bertuchs "Chronicon Portense", J. Reiske "Exercitationes historicae de imaginibus Jesu Christi", der 1. Februar-Band der "Acta Sanctorum", Pater G. Della Valle "Lettere Senesi", Bd. 2, sowie Papst Urban IV., dessen Schwester und Papst Gregor der Große. - Man muß immer mehr und mehr vermuthen, daß das schöne, daß die Kunst in der Bildnerey nie ganz untergegangen sondern selbst in der dicksten Dunkelheit und Noth sich einzeln, wenigstens durch Kopien, immer erhalten hat, gleichsam auch wie der rothe Faden im englischen Tauwerk. - Über die Darstellung verschiedener Christusköpfe, dabei Verweis auf: J. B. Séroux d'Agincourt "Histoire de l'art", Bd. 3, G. Vasari "Delle vite de' più eccellenti pittori, scultori et architetti Italiani", P. Aringhi "Roma subterranea", Bd. 1, die apokryphen Bücher der "Bibel", die Kirchenväter Johannes Chrysostomus und Hieronymus, J. Molanus "De historia ss. imaginum et pictuarum", Nicephorus "Historia Ecclesiastica"; ferner erwähnt: J. B. Bertram, der Patriarch Gennadius, (? Kaiser) Julian und Phidias. - Empfehlung, bei (C. oder F.) Schlosser das große menologium (Nicephorus "Historia Ecclesiastica") als Standardwerk zu benutzen und Hinweis auf den moscovitischen Bilderkalender in 12 Tafeln in den von J. Bolland herausgegebenen "Acta Sanctorum", Mai, Bd. 1 (G. Henschen, D. Papebroch "Ephemerides Graecoreum et Moscorum"). - Erwähnung zweier graecisirender Gemälde, die B. 1811 in der Kilianskapelle des Doms in Erfurt gesehen und von denen er G. seinerzeit berichtet habe. Vorschlag, G. möge sich die Tafeln nach Weimar kommen lassen, erwähnt: Kaiser Heinrich II., dessen Frau Kunigunde sowie J. Raabe. - Bemerkungen über die Länge und den Stil des Briefes unter Anspielung auf "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (2. Buch). - Seit G.s Besuch sei die Heidelberger Bildersammlung um eine Anbethung der Könige von Joh. Schwarz (J. Swart) erweitert worden; erwähnt: J. van Scorel und M. van Heemskerck. - Über die Fortschritte bei der Herstellung der Kupferstiche zum Kölner Dom ("Ansichten, Risse ... des Doms von Köln"). - Er lege G. eine erst kürzlich wiedergefundene Zeichnung der goldenen ErbsenSchaalen, und ein paar Zeilen an Raabe bey. - Grüße an G. besonders von A. F. J. Thibaut, dessen Forderung nach einem deutschen Gesetzbuch ("Über die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland") von K. von Savigny zurückgewiesen worden sei ("Vom Beruf unserer Zeit"). Thibaut habe darauf in den hiesigen Jahrbüchern brav geantwortet (Heid Jbb 1814, Nr. 33).

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