Normalzeugnis Zeugnis
Caroline Herder an Herder 12. 9. 1788 (Düntzer6 S. 74)
Den andern Tag gings wieder nach Hause über Orlamünde und Jena in dem unvergleichlichen Saalthal und schönsten Wetter. Durch Schillers Gedicht im Merkur über die Götter Griechenlands, das Du kennst, kam Goethe auf die Eigenschaften, die die Alten in ihren Göttern und Helden in der Kunst dargestellt haben, wie es ihm geglückt sei, den Faden des Wie hierin gefunden zu haben. Er hat hierüber mit Dir, da ich auch zuhörte, viel gesprochen. Die ganze Idee liegt, wie es mir dünkt, wie ein großer Beruf in seinem Gemüth. Er sagte endlich, wenn Ludwig XIV. noch lebte, so glaubte er durch seine Unterstützung die ganze Sache ausführen zu können; er hätte einen Sinn für das Große gehabt; mit 10–12 000 Rthlrn. des Jahres könnte ers in zehn Jahren, in Rom allein versteht sichs, ausführen. Der moralische Sinn darinnen hat mich sehr gerührt. Ihr beide geht, wie zwei Genien der Menschheit, zu einem Ziel. Gar schön wars, wie er sagte, daß ein einzelner Mensch nie einen Charakter in dem höchsten Ausdruck haben könne; er würde nicht leben können; er müsse vermischte Eigenschaften haben, um zu existiren. Er war in der Stunde, da er dies alles sprach, recht in seinem Himmel, und wir haben ihm endlich versprechen müssen, mit niemand davon zu reden. Du warst natürlich nicht darunter begriffen; denn Du gehörst ja ganz eigentlich und allein zu diesem Gespräch. Dich vermißt er je länger je mehr. Mit Knebel kann er über nichts reden, sagte er; Du verstehst ihn und hilfst ihm vorwärts durch Dein Studium. In Jena aßen wir den Mittag bei Knebel, der durch die hiesige Wirthschaft ziemlich verstimmt war ...
Gehe ja gleich aufs Land nach Tivoli etc., damit das schwere Rom Dich nicht so sehr drückt. Goethe sagte, wenn er wieder nach Rom käme, würde er von 12 Uhr bis 2 schlafen, die Stunden vor dem Essen; viele thäten es so und befänden sich wohl dabei. – Einen seidnen Gürtel, der dort Morgens und Abends getragen wird, unter der Weste, kaufe ja bald, und vergesse ihn besonders des Abends nicht; man trägt ihn in der Tasche mit sich, um ihn immer zu haben.
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