Normalzeugnis Zeugnis
Falk an D. W. Falk 8. 2. 1795 (*Europa 1851 Nr. 27 S. 209; GSA Falk I 2 A 4, 2)
Den folgenden Morgen besuchte ich den geheimen Rath Göthe. Du kennst ihn als den Verfasser von Werthers Leiden, Götz von Berlichingen und anderer Meisterstücke. – Er ist der Liebling des regierenden Herzoges und komt ganze Tage lang nicht von der Residenz. Als ein armer Advokat kam Er nach Weimar und machte hier diese glänzende Laufbahn. Ueber die vierzig ist Er jetzt wohl schon hinaus Er ist von mittlern Wuchse, hat ein männlich-braunes Antlitz, schwarze funkelnde Augen, einen tieffassenden Blick, einen starken schwarzen Bart und genialische aber regelmässige Züge. Sein Anzug war bürgerlich-einfach. Ein simpler blauer Ueberrock. Sein Anstand kunst- und anspruchslos. Ein mehr angebohrner als angenommener Ernst, erweckt in jedem der mit ihm spricht ein gewisses Gefühl von Hochachtung ich möchte beynahe sagen von Ehrfurcht; das aber keinesweges zurückstossend ist Ich hätte ihn ehr für einen biederherzigen Amtman als für den großen Schriftsteller gehalten, auf den unser Vaterland nicht ohne Ursache stolz seyn darf. – Er empfing mich freundschaftlich und wir sprachen über eine Stunde miteinander. – Göthe erzählte mir, daß Schiller mit unsäglicher Anstrengung arbeite. Als Er sich noch in Weimar befand, verschloß Er sich oft acht Tage lang und ließ sich von keiner Seele sprechen. – Abends um acht stand noch sein Mittagsessen vor seinem Studirpult. Doch glaubte Er nie die strengen Forderungen der Kunst befriedigt zu haben; denn seine Begriffe von dem Ideal, nach dem Er hinaufarbeitete und alle seine Geistesgeburten abmaß, waren zuweilen etwas überspannt und abentheuerlich. Deßhalb hielte es auch eben so schwer die Psychologie aus seinen Stücken als aus seinem Gesichte herauszufinden. Der Dom Karlos liesse sich besser lesen als aufführen, und die darin verwebte Psychologie der Characktere, sey auch selbst bey der Lecktüre und der angespanntesten Aufmerksamkeit nicht immer bemerkbar. Die übergroße Anstrengung, mit der Schiller arbeitete, glaubte Er auch in seinen flüchtigsten hingeworfenen Stücken zu entdecken Selbst an den Briefen über den Dom Karlos im Deutschen Mercur sähe man die Schweistropfen hängen, die sie dem Verfasser gekostet. – – – – Schiller sähe gerade wie ein Mann der was Verlornes, oder wie sich Hr. – – – – – etwas boshaft darüber ausdrückte, wie ein Dichter, der zu seinem Trauerspiele den fünften Akt sucht. Wie Göthe glaubte, so sey der Kampf, den Schwärmerey Vernunft und Einbildungskraft in der Seele dieses Dichters gekämpft, mit unverkennbaren Zügen seinem Gesichte eingegraben, und daraus entstehe in demselben die sonderbare Mischung von Schwermuth, Freundlichkeit Ernst und Zerstreuung. Kurz auf ihn paßt ganz, was Er einst in seinen Werken zur Charackterisirung eines Dritten sagt: In seine Phantasiewelt verschlossen, war Er ein Fremdling in der wirklichen. Sein Körper mitten aus seiner Zerrüttung hervor verräth einen hohen mänlichen Geist. Gleich den Ruinen eines ehrwürdigen alten Tempelgebäudes. – Ihr ahndet aus dem Schauer der Ehrfurcht, der eure Seele ergreift, daß einst eine Gottheit hier wohnte; aber erkennen könt ihr es jetzt nur aus Trümmern und Ueberbleibsaeln die der Zahn der Alles zerstörenden Zeit verschonte. – Noch sprach Göthe viel von Italien, wo Er sich lange Zeit aufgehalten. Sonderbar ist es, daß der Pabst ihn, wie ich nachmahls erfuhr so liebgewann, daß Er sich Göthens Marmorbüsten zum Andenken aushauen ließ. Von den schönen Gegenden und selbst von den Einwohnern dieses Landes sprach Er mit vielem Enthusiasmus Die Luft ist lauer, reiner, der Himmel blauer und unbewölkter; die Gesichter offen, freundlich und lachender die Formen und Umrisse der Körper regelmässig und anlockender. Selbst das Grün der Wiesen und Bäume nicht so kalt und todt sondern höher heller manichfaltiger als in den nördlichen Himmelsstrichen Alles scheint zu lieblichem Genusse einzuladen und Natur und Kunst bieten sich wechselseitig die Hand. Nirgends oder höchst selten finden sie in Italien solche zurückstossende kolossalische Gestalten wie in unsern Gegenden; nirgends so verkrüppelte und zusammengeschrumpte Figuren. In unsern Gesichtern verlaufen die Züge regellos durch und in einander, oft ohne irgend einen Charackter anzudeuten; oder es hält wenigstens Schwer das Originelle herauszufinden; man kan sagen, in einem deutschen Gesichte ist die Hand Gottes unleserlicher als auf einem Italiänischen. – Bey Uns ist alles verkritzelter und selten selbst in der Form etwas Vollendetes. – Kopf und Hals scheinen bey jenen Menschen gleichsam unmerklich in einandergefügt, bey uns sind sie größtentheils eingeschoben oder gar aufgestülpt. – Die sanftgeblähte Brust schwellt allmählich in ihrem sanften Umrissen; nicht solche kugelrunde muskelhafte Massen von Fleisch, die das Auge mehr beleidigen als einladen. – Ich habe in Italien unter der gemeinsten Menschenklasse Körper gesehen, gleich den schönsten Antiquen, und andere, die entkleidet dem Künstler, durch die Regelmässigkeit ihres Baues den vollkommensten Torso vertraten. – Kurz in Italien wohnen schöne Körper und schöne Seelen unter einem Dach und Fach in brüderlicher Eintracht zusammen; bey Uns wohnen sie durch verschiedene Stockwerke abgesondert und ungesellig; jedes treibt seine Wirtschaft für sich. Ich bedaure einen großen Künstler wie Herrn Lips in Deutschland – wo ihm das Studium der Formen in seiner Kunst keinen Vorschub thut; er muß unaufhörlich aus seiner Phantasie hervorarbeiten. – – Die Römerinnen sind die reizendsten Gestalten, die ich je erblickte. Ein schlanker Wuchs, regelmässige majestätische Gesichtszüge, große gewölbte Augenbraunen, die wie abgezirkelt einen Halbbogen bilden sind unter dem mänlichen und weiblichen Geschlechte nichts Ungewöhnliches. – Auch herrscht unter ihnen weit mehr Künstlergeschmack als in Deutschland, wozu freylich der frühe Anblick der unsterblichsten Meisterstücke der Kunst in Tempeln und öffentlichen Gebäuden viel beytragen mag. – Bey Uns ist der gute Geschmack größtentheils in Studirstuben eingeschlossen Freylich herrschen hingegen Luxus und Ueppigkeit diese von den schönen Künsten unzertrennlichen Uebel ausgebreiterter, wie bey Uns in Italien. – Doch muß man auch hier nicht zu vorschnell die Würkungen des wohllüstigen Climas dem Einfluß der schönen Künste und Wissenschaften beymessen. – So wie Pflanzen und Blumen unter der milderen Sonne Italiens sich schneller und üppiger entfalten, aber auch rascher dahinwelken; so ist es auch vielleicht der Fall mit den Einwohnern dieses Himmelsstriches selbst. – – Früher und reizender aufblühend und reifend sind ihre Körper wohllüstiger, idealischer aber auch hinfälliger und vergänglicher als die Unsrigen. Göthe war zwey Jahre in Italien und arbeitete hier seinen Tasso und zum Theil auch seine Iphigenie aus.
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