Brief
Von Friedrich Schiller (7. April 1797)
Über seine Lektüre der "Dialoghi d'amore" von L. Ebreo aus J. Pistorius' Sammlung "Artis cabbalisticae" (Basel 1587). Sie habe ihn zugleich belustigt und seine astrologischen Kenntnisse (für "Wallenstein") bereichert. Übersendung eines Ausschnitts daraus. - Über die letzthin berührte Materie von Behandlung der Charactere: Da dieses Problem auf dem innersten Grunde der Kunst beruhe, könnten Wahrnehmungen in den bildenden Künsten auch in der Poesie viel aufklären. Bei der neuerlichen Lektüre von "Julius Cäsar" sei es S. aufgefallen, wie Shakespeare das gemeine Volk mit einer so ungemeinen Großheit behandelt habe. Dabei sei Shakespeare schon durch den Stoff gezwungen worden, mehr ein poetisches Abstractum als Individuen im Auge zu haben. Er sei hier den Griechen äußerst nah. Shakespeares glücklicher Wahl sei es gelungen, die wenigen aus der Masse hervorgehobenen Stimmen zur Stimme des ganzen Volkes werden zu lassen. - Für Künstler und Poeten sei die Lösung der Frage, was die Kunst von der Wirklichkeit wegnehmen oder fallen laßen muß, von größter Bedeutung. - Bitte um die nächste Folge des "Cellini" ("Horen" 1796-1797).
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