Normalzeugnis Zeugnis
H. Steffens, Die vier Norweger (Morgenblatt 29. u. 30. 1. 1828, S. 98. 101)
Ich sahe ihn, sah ihn öfters in seinem Hause. Du wirst mir vorwerfen, daß diese ganze Begebenheit höchst unbedeutend sey; mir erscheint sie nicht so. Der Umgang mit Goethe machte mich, ich möchte sagen, ansäßig in Deutschland. Ich war Zeuge seiner vielen, bedeutenden Beschäftigungen, ich sah, wie das Knochengerüst sich unter seinen Händen belebte, wie das scheinbar Bedeutungslose, ja Zurückstoßende, einen lebendigen Zusammenhang erhielt, wie dieser reiche Geist mit großer Entsagung und Geduld die kleinste Farbenerscheinung in allen ihren wechselnden Beziehungen aufmerksam verfolgte, und wie mit diesem ununterbrochenen Fleiß, der das Mühsamste, Geringste nicht verschmähte, sich das Höchste verband, wie beydes, wie in der Natur, aus der nämlichen grundlosen Tiefe des Geistes auftauchte und sich gestaltete. Sein Haus schien mir das wahrhaft väterliche, zu welchem eine ursprüngliche Erinnerung aus einer längst vergessenen Kindheit mich wieder zurückführte. Nie bestieg ich die breiten Treppen, ohne von einem wunderbaren, sehr bestimmten heimathlichen Gefühl durchdrungen zu seyn, und das Hausgeräth, die herumliegenden Papiere, die gefärbten Gläser, die Knochen, die Kunststudien, Alles trat mir, oft bey scheinbarer Unordnung, in einen innigen, geordneten geistigen Zusammenhang. Selbst die ruhige Weise, die oft zu traulichem Gespräch ermunterte, aber ein jedes zu nahe Verhältniß zu entfernen suchte, die manchem jungen Manne, den Goethe an sich zog, drückend erschien, die Mehrere mit unbescheidener Zudringlichkeit zu stören suchten, erhielt mir das ganze Verhältniß rein, heiter. Es war mir, als wenn ein bedeutungsvolles Geheimniß mich aus der Ferne begrüßte, welches, zu nahe gerückt, seinen Zauber verlieren könnte.
Goethe’s Haus, sein Leben war mir ein großes, schönes, neues Gedicht ... Gottlob! kein Kommentar seiner übrigen Gedichte. Vor Allem ergriff mich hier das Bedürfniß, ja die Nothwendigkeit, die Kunst zu fassen. Sie erschien mir als herrlichere Natur, voll lebendiger Gestalten, deren Sprache eben durch die Poesie und die höhere Weisheit laut ward. Diese hatten sich wie unsichtbar vernehmen lassen, aber ich hatte sie noch nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen. Zwar fand ich manches Schätzbare in Goethe’s Wohnung; er selbst aber gestand, daß es nur für denjenigen einen wahren Werth haben könne, der schon in größerem Zusammenhange die großen Werke der alten Plastik, der neuern Malerey überschaut hätte, und rieth mir, da Verhältnisse mich verhinderten Italien zu besuchen, nach Dresden zu reisen.
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