Normalzeugnis Zeugnis
Dichtung und Wahrheit V (WA I 26, 261)
Mein früheres gutes Verhältniß zu jenem Knaben den ich oben Pylades genannt, hatte sich bis in’s Jünglingsalter fortgesetzt. Zwar sahen wir uns seltner, weil unsre Eltern nicht zum besten mit einander standen; wo wir uns aber trafen, sprang immer sogleich der alte freundschaftliche Jubel hervor. Einst begegneten wir uns in den Alleen, die zwischen dem innern und äußern Sanct-Gallen Thor einen sehr angenehmen Spaziergang darboten. Wir hatten uns kaum begrüßt, als er zu mir sagte: „Es geht mir mit deinen Versen noch immer wie sonst. Diejenigen die du mir neulich mittheiltest, habe ich einigen lustigen Gesellen vorgelesen, und keiner will glauben, daß du sie gemacht habest.“ – Laß es gut sein, versetzte ich; wir wollen sie machen, uns daran ergötzen, und die andern mögen davon denken und sagen was sie wollen.
„Da kommt eben der Ungläubige!“ sagte mein Freund. – Wir wollen nicht davon reden, war meine Antwort. Was hilft’s, man bekehrt sie doch nicht. – „Mit nichten, sagte der Freund; ich kann es ihm nicht so hingehen lassen.“
Nach einer kurzen gleichgültigen Unterhaltung konnte es der für mich nur allzuwohlgesinnte junge Gesell nicht lassen, und sagte mit einiger Empfindlichkeit gegen jenen: „Hier ist nun der Freund, der die hübschen Verse gemacht hat, und die ihr ihm nicht zutrauen wollt.“ – Er wird es gewiß nicht übel nehmen, versetzte jener: denn es ist ja eine Ehre die wir ihm erweisen, wenn wir glauben, daß weit mehr Gelehrsamkeit dazu gehöre, solche Verse zu machen, als er bei seiner Jugend besitzen kann. – Ich erwiderte etwas Gleichgültiges; mein Freund aber fuhr fort: „Es wird nicht viel Mühe kosten, euch zu überzeugen. Gebt ihm irgend ein Thema auf, und er macht euch ein Gedicht aus dem Stegreif.“ – Ich ließ es mir gefallen, wir wurden einig, und der dritte fragte mich: ob ich mich wohl getraue, einen recht artigen Liebesbrief in Versen aufzusetzen, den ein verschämtes junges Mädchen an einen Jüngling schriebe, um ihre Neigung zu offenbaren. – Nichts ist leichter als das, versetzte ich, wenn wir nur ein Schreibzeug hätten. – Jener brachte seinen Taschenkalender hervor, worin sich weiße Blätter in Menge befanden, und ich setzte mich auf eine Bank, zu schreiben. Sie gingen indeß auf und ab und ließen mich nicht aus den Augen. Sogleich faßte ich die Situation in den Sinn und dachte mir, wie artig es sein müßte wenn irgend ein hübsches Kind mir wirklich gewogen wäre und es mir in Prosa oder in Versen entdecken wollte. Ich begann daher ohne Anstand meine Erklärung, und führte sie in einem, zwischen dem Knittelvers und Madrigal schwebenden Sylbenmaße mit möglichster Naivetät in kurzer Zeit dergestalt aus, daß, als ich dieß Gedichtchen den beiden vorlas, der Zweifler in Verwunderung und mein Freund in Entzücken versetzt wurde. Jenem konnte ich auf sein Verlangen das Gedicht um so weniger verweigern, als es in seinen Kalender geschrieben war, und ich das Document meiner Fähigkeiten gern in seinen Händen sah. Er schied unter vielen Versicherungen von Bewunderung und Neigung, und wünschte nichts mehr als uns öfters zu begegnen, und wir machten aus, bald zusammen auf’s Land zu gehen.
Unsre Partie kam zu Stande, zu der sich noch mehrere junge Leute von jenem Schlage gesellten ... Indem sie nun unterwegs meine Liebesepistel auf das beste herausstrichen, gestanden sie mir, daß sie einen sehr lustigen Gebrauch davon gemacht hätten: sie sei nämlich mit verstellter Hand abgeschrieben, und mit einigen nähern Beziehungen einem eingebildeten jungen Manne zugeschoben worden, der nun in der festen Überzeugung stehe, ein Frauenzimmer, dem er von fern den Hof gemacht, sei in ihn auf’s äußerste verliebt, und suche Gelegenheit ihm näher bekannt zu werden. Sie vertrauten mir dabei, er wünsche nichts mehr als ihr auch in Versen antworten zu können; aber weder bei ihm noch bei ihnen finde sich Geschick dazu, weßhalb sie mich inständig bäten, die gewünschte Antwort selbst zu verfassen ... Ich willigte ein; sie theilten mir manches Besondere mit, was der Brief enthalten sollte, und wir brachten ihn schon fertig mit nach Hause.
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