Normalzeugnis Zeugnis
K. Ph. Moritz an J. H. Campe 1. 9. 1787 (Eybisch S. 218)
Ich antworte Ihnen ... auf Ihren Brief weit später, als ich gesollt hätte, weil ich diese Tage über in der größten Unentschlossenheit gewesen bin. – Da ich nehmlich im Begriff war, Rom zu verlassen, so eilte ich, alle die merkwürdigen Gegenstände, von denen ich nun auf immer Abschied nehmen sollte, noch einmal mit Aufmerksamkeit zu betrachten; und bei dieser Betrachtung fand ich, wie der Aufenthalt von noch sechs Monathen, vorzüglich in Gesellschaft des HE. v. Göthe, der den Winter über noch hier bleibt, mir eine Quelle zu nützlichen Ausarbeitungen auf mehrere Jahre lang werden könnte; und daß es mir fast unmöglich seyn würde, nachher der Reue zu entgehn, wenn ich dise Gelegenheit, meinen Geschmack noch mehr zu bilden, und meine Kenntnisse zu vermehren, itzt aus den Händen ließe, da ich das hier täglich für wenige Groschen sehen kann, dessen Anblick nachher durch eine ganze neue Reise erst wieder erkauft werden müßte. Dieser überwiegende Grund hat mich zu dem Entschluß gebracht, noch bis zum künftigen Frühjahr hier zu bleiben, und es dabei so einzurichten, daß ich Ihnen mit Vorschuß nicht ferner beschwerlich fallen dürfte. Ich habe mich nehmlich durch Umgang und Lektüre mit dem Zustande der neuesten italiänischen Litteratur einigermaßen bekannt gemacht, und verschiednes dahin einschlagendes gesammlet, daß unter einem schicklichen Titel ein kleines nicht uninteressantes Werkchen, etwa von einem halben Alphabet stark, werden könnte; vermittelst dessen, was mir diese leichtere Nebenarbeit eintrüge, gedächte ich dann diesen Winter hier noch zu subsistieren, und dabei alle mein Bestreben dahin zu richten, um über die Alterthümer ein vollkommnes und auffallendes Werk zu liefern, wodurch ich zugleich meinen litterarischen Ruf auf immer befestigte. Ich habe diß alles mit dem HE. v. Göthe überlegt, der meinen Entschluß auch billigt. Sein Umgang kömmt mir hier außerordentlich zu statten, fast alle Tage bringe ich einige Stunden mit ihm zu, wo ich schon oft meine Ideen durch Mittheilung derselben berichtigt und erweitert habe, und auf neue Außichten geführt bin. Er ist mit meinem Plane, durch die Stellung der Gegenstände in dem Werk über die Alterthümer gleichsam den Geist der Alten aufzuwecken und sichtbar zu machen, und so viel wie möglich lebendige Darstellung hinein zu bringen, nicht nur zufrieden sondern interessiert sich auch dafür, so daß ich seinen Rath und seine Aufmunterung hiebei nicht gern entbehren möchte; da wir überdem sehr viele Sachen zusammen in Augenschein nehmen, welches mir, da er in Kunstsachen sehr tiefe Kenntnisse besitzt, vorzüglich nützlich ist. Ich könnte alsdann auch, wenn ich noch den Winter hier bleibe, im künftigen Frühjahr mit ihm zugleich nach Deutschland zurückreisen ... 10 Dukaten ersuche ich Sie ... auf das Dringendste mir doch ja gleich nach Empfang dises noch zu überschicken ... weil ich hier mit niemanden in solchen Verhältniß, daß ich ihm von Geldmangel auf eine schickliche Weise sagen könnte, und auch dem HE. v. Göthe auf keinen Fall davon sagen, sondern liber den äußersten Mangel erdulden würde.
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