Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, *Lit. Zustände 1, 67 (LB Dresden)
Den 16 Januar 99. bei Göthe. Schiller wünscht keineswegs die Ausrottung der Pockennoth, weil es die einzige Krankheit sei, bei der durch Austreibung des Krankheitsstoffs nach ausen die Aerzte das Fieber studiren und etwas lernen könnten. Censeo Carthaginem non delendam esse. Sch. bewundert das Mühlenthal bei Jena und sieht es im Geiste in einen Park umgeschaffen. Trockne Luft sei ihm äuserst fatal. Er werde in Holland trefflich gedeihen. Im Regenwetter sei ihm am wohlsten. Bei Tische erzählt er seine Unterhandlungen mit d. H. von Braun in Wien wegen seines Wallensteins. Man verlangt es zu kaufen. Sch. erwiederte, da er es doch beträchtlich umändern müsse, wenn es nur irgend in Wien tolerirt werden solle, so wünsche er doch vorher zu wissen, ob es überhaupt die Censur passiren werde, damit die Mühe nicht vergeblich sei. Nach 4 Wochen kommt die Antwort: es werde unter keiner Gestalt die Censur passiren. Schiller schrieb an den Grafen von Waldstein, einen Seitendescendenten des großen Wallensteins, um handschriftliche Nachricht zu haben. Dieser aber entschuldigt sich mit den Verdrießlichkeiten, die daraus entstehen könnten, subscribirte aber auf drei Exemplare. Die Schauspieler können nicht einmal den Unterschied eines 5 und 6-füßigen Jamben begreifen. Schillern ist sehr bange vor der Aufführung. Herder findet nur die Periode des Wallensteins wahrhaft brillant, wo er zuerst auftritt und gar nichts vom Kaiser, als unumschränkte Gewalt verlangt. Der todtgekaufte, von Nürnberg gefroren geschickte, von Roux in Jena gezeichnete, von Loder anatomirte und Lenz ausgestopfte und scelettirte Tiger. Der Herzog hatte ihn vorigen Winter schon lebendig hier von Mayer zeichnen lassen. – Voigt bringt die Medaille auf die Zorndorfer Schlacht ob barbaros prostratos aus der Tasche. Sie circulirt und ihre Unform wird belacht. Herder war damals in Königsberg, Arnold, der erste Schloß- und Hofprediger mußte für diesen vorgeblichen Sieg der Russen eine Dankpredigt in der Schloßkirche thun, sprach von etwas ganz andern und schloß endlich nur am Ende mit den Worten: es ist auch befohlen worden, die siegreiche Schlacht bei Z. obzukündigen, u. Gott dafür zu danken. Es steht geschrieben: Freuet euch mit den Freuenden und weinet mit den Weinenden. Amen! Der Gouverneur Korf, der selbst in der Kirche war, that als ob er schlief, wurde aber von andern gereizt, und schickt dem Prediger nach der Kirche Wache ins Haus. Bertuch spricht vom doppelten Nashorn und der Mühe, die er sich gegeben habe, ächte Abbildungen davon zu erhalten. Kraus hat der Sängerin Calderini Moden abgesehn, und soll seinem Vetter Mylius deutsche Lustspiele für die Mayländische Nationalbühne schicken. – Nach Tische wird die Aldobrandinische Hochzeit (jetzt unter Glas in der Mauer) aufgezogen. Schöne Beleuchtung durch den gegenüber auf den Dächern befindlichen Schnee. Göthe äusert dabei die Mutmaaßung, daß vielleicht der Mahler, der eine etwas frechlustige Composition machen wollte, die Hauptfiguren, die pronuba und die nova nupta Anm. Böttigers a. R.: S. Theocrit VIII, 91 nach einem Gemälde des Echion, die Plinius (XXXV, 10) nova nupta verecundia notabilis nennt, kopirt, das andere aber aus verschiednen Stücken komponirt habe. Die Gemälde aus der villa Negroni kommen als farbigter Staub in England an. Der König von Spanien läßt ein köstlichgeachtetes Oelgemälde von Mengs von 7 Schuh Höhe hinter eine besonders dazu gegossene Glastafel stellen, um es desto gewisser in der stockenden Luft hinter dem Glase verderben zu lassen. Das Ambigu Jupiter mit dem Ganymed, von dem man nicht weiß, ob es alt sei, oder von Mengs, war für 500 Scudi zu verkaufen. Weil es aber zweifelhaft war, kaufte es niemand. – Schiller spricht mit Bitterkeit von dem Leichtsin der Franzosen in der Behandlung geraubter Kunstwerke. Darum würden auch die Rollen von Portici schlecht in ihren Händen seyn. Man solle sie wie Cuxe im Bergbau behandeln u. auf alle Universitäten und Academien austheilen. Gerning sagt dieß dem König. Wir können es selbst, erwiedert dieser. Von 900 sind höchstens 100 aufwickelbar. Aber chemische Processe sind noch nicht daran versucht.
Göthes Witz über Gerning: er nahm die Königinnen nicht in acht. Die Syracusanische Königin Philistis sei ihm abhanden gekommen. Voigt zieht auch bei Tische die Zeitung heraus über den Krieg der Tosscana erklärt worden sei. Er hat den Sectionsbericht über den verstorbenen Minister Gutschmidt. Göthe wünscht sich3 unleserliche Wörter sehn. Voigt möchte das ganze Naturalienkabinet des Kurfürsten, so wie es jetzt ist, nicht geschenkt haben. Unser Herzog wirft 2 Landtagsschriften ad ignem.
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