Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 8. Oktober 1786

d. 8. Oktbr. Nach tische. Der gute Alte Doge ist heute nicht zur Funcktion nach St Marco gekommen, er ist kranck und wir haben statt dieser Feyerlichkeitandre Gegenstände besucht, wir fahren fort die Stadt zudurchlaufen, das Wesen und Gewerb zu beschauen, und dieSchätze einen nach dem andern aufzusuchen. Palazzo Pisani Moretta. Ein Paolo Veronese, der einem einenBegriff von dem ganzen Werthe des Meisters geben. Es ist frisch,als wenn es gestern gemahlt wäre und seine große Kunst, ohneeinen allgemeinen Ton, der durchs ganze Stück durchginge, blosmit den abwechselnden Lokalfarben, eine köstliche Harmonie hervorzubringen, ist hier recht sichtbar. Sobald ein Bild gelittenhat, erkennt man nichts mehr davon. Was das Costum betrifft darf man sich nur dencken: er habe einSüjet des sechzehnten Jahrhunderts mahlen wollen und so istalles gut. Das jüngere Prinzeßgen ist gar ein artig Mausgen, und hat so ein ruhig eigensinnig Gesichtgen. Das übrige mündl. Scuola di St. Rocco. pag. 554 Diese sogenannten Scuole, sindGebäude, die verschiednen Brüderschafften gehören, wo sie ihreZusammenkünfte halten, und ihre Geräthschafften und Schätzebewahren. Die Bruderschafft von St. Roch ist besonders nach einer Pest reich geworden, weil fromme Seelen diesem Patronund der Santissima Vergine die Befreyung von der Pest danckten,die, nachdem sie vom März bis in den November gewüthethatte, nun gegen den Winter von selbst aufhörte. Heute fiel mir recht auf, wie doch eigentlich der Mensch dasUnsinnige, wenn es ihm nur sinnlich vorgestellt werden kann,mit Freuden ergreift, deßwegen man sich freuen sollte Poet zuseyn. Was die Mutter Gottes für eine schöne Erfindung ist, fühlt man nicht eher als mitten im Catholicismus. Eine Vergine mitdem Sohn auf dem Arm, die eben darum santissima Vergine ist, weil sie einen Sohn zur Welt gebracht hat. Es ist einGegenstand, vor dem einem die Sinne so schön stillstehn, dereine gewiße innerliche Grazie der Dichtung hat, über den man sich so freut und bey dem man so ganz und gar nichts denckenkann; daß er recht zu einem religiosen Gegenstande gemacht ist. Leider aber sind diese Gegenstände die Geißel der Mahler gewesenund Schuld daß die Kunst gesuncken ist, nachdem sie sichkaum erhoben hatte. Eine Danae ist immer eine andre Aufgabe für den Künstler, als eine Empfängniß Mariä und doch imGrund derselbe Gegenstand. Nur daß der Künstler aus der erstenviel, aus der zweyten nichts machen kann. Das Gebäude der Sc. di St Rocco ist prächtig und schön, ohne einMeisterstück der Baukunst zu seyn. Damals war noch eine Zeit für Mahler. Tintoret hat die großen Gemählde des Hauptsaals verfertigt. Auch eine große Creitzigungin einem Nebenzimmer. Meine neuliche Bemerkung bestätigt sich mir, doch muß ichmich genau erklären. Hier sind auch große Figuren, trefflich gemahlt und die Stückegut gedacht; aber die Gemählde würden alle mehr Reitz habenwenn sie kleiner wären. Die Gestalten sind ihm, wenn ich sosagen darf, in einem kleineren Formate erschienen und er hatsie nur nach dem Maasstabe vergrösert, ohne ihre innerliche Natur vergrößern zu konnen. Seine Gestalten seine Compositionen haben nicht die Sodezza welche zu großen Figuren erfordert wird. Sie beschäfftigen dasAuge angenehm und geben einen fröhlichen Begriff in einemkleinen Maasstab, aber sie haben nicht innerlichen Gehalt genug um einen so großen Raum einzunehmen um uns mit ihrerGegenwart zu imponiren. So ist zum Exempel nicht genug daß eine Figur kolossal sey,wenn sie 9 oder 10 Fus hat, ihre Natur muß kolossal seyn, siemuß mir nicht durch ihr Maas, sie muß mir durch ihre Existenzimponiren, daß ich nicht an sie reiche, wenn ich mich auchselbst vergrößre. In dem Saale halt ich das Abendmal, neben dem Altar fur dasbeste Stück, wenigstens war es mir das gefälligste. Er hat dentisch zurückgesezt und vorwärts einen großen Bettler und einWeib auf Stufen sitzend angebracht. alle Hinter Gründe und dieFiguren darauf haben eine unbeschreibliche Vaghezza. Als dann war ich in dem Judenquartier und an andern Eckenund Enden. Abends. Heute hab ich dir nicht viel zu erzählen, ich war wieder aiMendicanti, wo die Frauenzimmer die Musicken aufführen, sie haben wieder ganz herrlich gesungen, besonders die eine die ichdir neulich rühmte. Wenn man nur so einen Eindruck im Ohrebehalten könnte. Hernach bin ich mit einem alten Franzosen der kein Italiänischkann und hier wie verrathen und verkauft ist, u. mit allen Rekommandations Briefen doch manchmal nicht recht weiß woraner ist. Es ist ein Mann von Stande und sehr guter Lebensart, demich sehr höflich begegne und mit ihm über alle Dinge rede, ichsprach ihm von Venedig pp er fragte mich wie lang ich hier sey,ich sagte ihm; noch nicht 14 Tage. Er versetzte: il paroit que Vous n’avez pas perdu votre tems. Das ist das erste Testimonium meines Wohlverhaltens, das ich aufweisen kann. Morgen werdich eine große Fahrt unternehmen. Wenn ich dich nur der einen Arie und des Mondscheins am Uferund auf dem Platze durch gute Geister theilhaftig machen könnte. Gute Nacht.

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