Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, Lit. Zustände 1, 239
(Den 6. Febr. 1799 Schlittenfahrt zu Wieland.) Goethe erklärt sich stark gegen Die, welche Weimars Gemeinvortheil verrathen. Wieland sagte einst zu ihm: Aber wie könnte ich mich so ekelhaft loben lassen, Herr Bruder, wie es die Schlegel thun? Antwort: Man muß sich das ebenso gefallen lassen, als wenn man aus vollem Halse getadelt wird. Wieland misbilligt Macdonald’s blinden Eifer gegen die Kantische Philosophie. Man müsse nie gegen Etwas Lärm schlagen, was man nicht durchaus kenne. Darum enthalte auch er sich von der Kantischen Philosophie zu sprechen, ob er gleich lueurs davon habe. Auch gegen Fichte werde er nie öffentlich etwas sagen, ob er gleich seine letzte Apellation kindisch finde. Das Kind singt im Finstern, wenn es Gespenster fürchtet. Ihm brandert es schon, sagte Goethe, darum schreit er vom Scheiterhaufen. Plato habe die Sophisten als dumme Jungen antworten lassen. Lucian hätte die Form des Dialogs schon weiter gebracht. Am weitesten Shaftesbury. In seinem Philosopher sei es jedem der Colloquirenden voller Ernst. Er (Wieland) habe einige Dialoge geschrieben, mit denen er nicht unzufrieden sei z. B. in den Neuen Göttergesprächen das zwischen Zeus und dem Unbekannten. Jenes Gespräch enthalte, was den Unbekannten anlangt, den Keim zu dem, was er jetzt im Agathodämon ausgeführt habe. – Herder’s Helldunkel. – Er begreife nicht, wie Herder das Evangelium von Johannes für so rein und unverfälscht halten könne, da gewiß nur der geringste Theil von Johannes sei, sondern der bei weitem größere gnostische angeflickte Stücke. Jesus habe keine Religion stiften, sondern den Religionsschlendrian zerstören wollen. – In seinen Osmantinischen Unterhaltungen (ad modum quaestionum Tusculanarum) werde auch sein Liebling Aristipp noch bedacht werden. Dessen Philosophie sei die einzig wahre. Er las mir den Anfang der Revolution zu Syrakus unter dem Dion vor. Überall dachte er dabei an Bern und Zürich. Mit unendlichem Wohlgefallen las er die zwei Einleitungscapitel. So lange ich noch so schreiben kann, lebe ich noch. Wenn ich aber fühle, daß es dicker und trüber fließt, dann lege ich die Feder weg und gehe schlafen. Er citirte ein altes Sprüchelchen: Si qua sede sedes, hac tu sedere memento. Dies bleibe ihm noch aus der Jugend. Was er jetzt lese, das könne er nicht brauchen, weil Alles nur einen schwachen Haupteindruck hinterlasse.
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