Normalzeugnis Zeugnis
Lavater, Ein Wort über Göthe 29. 5. 1788 (SchrGG 16, 365)
Es ist nichts schwerer als über einen Grossen Mann zuschreiben; So wie nichts schwerer ist als sein Bild zuentwerfen – Ein Grosser Mann ist ein reichhaltiges Eins – ein Unum Continuum – Alles, was geschrieben wird, ist successif – Wer die grossen Momente grosser Menschen fixieren, und sie nicht successif, sondern auf einmahl wie in der Camera obscura darstellen könnte, der könnte uns ihre Grösse empfindbar machen.
Göthe –, wenn ich einen Sterblichen mit Zuversicht groß genennet habe, so nenn’ ich Ihn groß! Göthe will gesehn seyn in Lebendigen Momenten seiner Kraft, oder seiner alles vergessenden Nonchalance – Sein Adleraug erblikt gantz, u. verbannt jedes seichte Urtheil aus seinem Kreise – Er faßt so ganz, so kräftig, so sicher, wenn ich mich so ausdrüken darf, so vandykisch im grossen, so Chodowiekisch im kleinen, so fest, daß gar keine Besorgniß statt hat, daß Er leicht wieder fallen lasse. So königlich schweigen und sprechen – wer kann’s, wie Er? welche Anmaßung kann neben Ihm bestehen, und welche harmlose Bescheidenheit neben Ihm in Verlegenheit kommen? So demüthigen (ecrasieren) und so erhöhen, wer kann’s wie Er? – Wenn Er will – willst du zu Ihm sagen: „Er soll nicht wollen“? Und, wenn Er einen Schluß gefaßt hat, wirst du Ihm die Hände binden? – So offen dem Einen, so bepanzert dem andern, so horchend wie ein Kind, so fragend wie ein Weiser, so entscheidend wie ein Mann, so derbausführend wie ein Held – wer kann so leicht alle Gestalten annehmen ohne die seinige zuverlieren. – Ich deklamiere nicht! Zug für Zug erkennt jeder, der Ihn kennt – Züge die man doch nicht jedem, der daher kömmt, sogleich auf die Brust oder auf den Rüken heften kann – selten findet sich so viel Geschmak bey so viel Muth, so viel Kraft bey so viel Bonhommie – Ich rathe dir nicht, Ihn zuerzörnen; Sein Zorn ist furchtbar – Nicht wie eines Weibes, einer Furie, eines Weltweisen oder Pedanten – Du fühlst, daß Er sich fühlt, und hast kein Wort dazu oder davon zu thun – Aber sicherlich, du wagst es nicht zum zweytenmahl, Ihm unbescheiden in die Quer zukommen. Ich habe keinen zugleich so toleranten und intoleranten Menschen gesehen – Alles, was in’s Reich des Geken oder Prätendenten gehöhrt; Alles, was scheinen will, und sich zudrängt, fühlt in seiner Athmosphäre eine Unbehaglichkeit die schwerlich wieder zu vergessen ist – Aber schlichte Einfalt, ruhiger, gerader Sinn, kühler Menschenverstand – kurzsylbige derbe Entschlossenheit werden aller ihrer Gebrechen ungeachtet, einen thätigen, einen entschiedenen Freund an Ihm finden –. Man geht selten von Ihm weg wie man zu Ihm gekommen ist – Man wird immer gewonnen oder verlohren haben –. Er prägt Eüch mit Einem Worte ein Heer unbestimmter Begriffe – Er giebt Eüch ein Bild, das alle Augenblike wiederkömmt, und Eüch unentbehrlich ist wie das liebe Brod – Hütet Eüch, daß Er Eüch mit nichts vergleiche, wenn es Eüch mit Eüerer Selbstverbesserung nicht wahrer Ernst ist.
Bey ernsthaften Geschäften werden Ihm an Besonnenheit, Dexterität und simpler Würde wenige beykommen – Im Kreise der frohen Laune wenige an genialischer Jovialität – das Bittersalz seiner Laune ist corrosif, und seine seltenen Lobsprüche sind, ohne Schmeicheley zuseyn, unaussprechlich schmeichelhaft – was consequent und sich selbst gleichförmig ist, wie unendlich es von seiner Denkungsart verschieden sey, darf auf seine Verehrung, und das Bekenntniß derselben sichere Rechnung machen – Und was noch mehr ist, was Ihn noch verehrenswehrter macht, ist die Kraft, womit Er mit dem Strome seines Witzes an sich zuhalten weiß – wenn Er an Einem sonst konsequenten Menschen etwas Lächerliches bemerkt. Ich habe einer Szene beygewohnt, wo Er sich gegen über eines sehr respektablen Schwärmers durch Menschenkenntniß und Bonhomie noch respektabler zumachen wußte – wo alles zermalmenden Witz erwartete, sprach Er mit einer Bescheidenheit und Ansichhaltung, daß man Ihn hätte küssen mögen – Wir wollen Ihm das nicht anrechnen, daß Er, vielleicht nach unserem Vorurtheile, Vorurtheile haben kann – Aber das sey Ihm hochangerechnet, daß Er sie zubesiegen und nachher immer von sich entfernt zuhalten weiß, und noch höher: daß Er es auf die leiseste Veranlassung zugestehen redlich und bescheiden genug ist.
Ich empfinde es jeden Moment, wie alles was ich sage, nur Fragment von Fragment ist – Welche Anmassung, welche Unbescheidenheit wenn man sich erkühnen will das Bild eines Menschen zuentwerfen, der, gering zusprechen, unter einer Million nicht Einen findet, der an Blik, an Genie, Schöpfungskraft und klugbestimmter Thätigkeit, Simplizität und Erhabenheit Ihm an die Seite zusetzen sey.
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