Normalzeugnis Zeugnis

Knebel, Aufzeichnungen 2. 7. 1785 (Knebel, Lit. Nachl. 3, 381)

Gestern, den 1. Juli, machten wir den ersten Ausflug in die Berge. Wir marschirten Morgens gegen acht Uhr hier aus, und begaben uns nach Zinnwasche auf den Seeberg. Wir marschirten gute drei Stunden, und trafen unterwegs abwechselnd erst noch derben Thonschiefer, dann Gneis, dann vor Leupoldsdorf einen Berg von purem Quarz an, worauf wir bald wieder an Gneis kamen, den wir bis auf die Höhe des Seebergs behielten. Hier machten wir etwas Rast, besahen die Zinnwasche, ließen uns etwas Zinn aus dem gelblichen mürben Thon, worin es gefunden wird, auswaschen oder sichern, wie sie es benennen, und nahmen einige von den kleinen Zinngräupchen, die daselbst gefunden werden, mit ... Die Art, das Zinn zu waschen, ist folgende. Sie umgraben das Gebirg auf etliche Lachter tief, gleichsam in einem halben Zirkel, und machen unten eine Aushöhlung oder Graben, ungefähr zwei Ellen breit. In diese wird der zinnhaltige thonichte Sand herabgeschürft. Dann wird aus der Höhe ein Bach darüber hergeleitet, der von der Höhe des ausgegrabenen Erdreichs über das Zusammengeschürfte herunterfällt und es auf diese Art, immer das äußerste zuerst, dem zu Folge auch der Bach so geleitet wird, durchwäscht, wobei die Arbeiter den Thon fleißig im Wasser durcharbeiten, daß die schwereren Zinntheilchen endlich am Grunde des ausgehöhlten Baches sämmtlich sich niedersetzen und liegen bleiben. Die Zinnkörner sind größtentheils so fein mit dem gelblichen Erdreich vermischt, daß man sie mit bloßem Auge nicht herausfinden kann. Dennoch haben wir einige größere Zinngräupchen, auch einige Krystalle, die man daselbst gefunden, mitgenommen. Wir fanden an der Quelle des Mains, der dicht hier beim Hause entspringt, und hier den Bach zur Zinnwäsche ausmacht, viele tridentaria europaea, die überhaupt auf diesem Gebirge sehr häufig sind. Das Wasser der Quelle des Mains ist sehr vortrefflich und schmackhaft. Vom Seeberg gingen wir weiter nach dem Ochsenkopf zu. Dieß ist noch ein Weg von guten anderthalb Stunden. Wir fanden bald auf unserm Wege große Stücke zusammengerollten Granits, die wie ungeheure Leichname umherlagen. Wir erstiegen die höchsten Felsen des Ochsenkopfes, und kosteten unterwegs von der trefflichen Quelle, dem sogenannten Fürstenbrunnen. Wir ergötzten uns auf diesen herrlichen Granitmassen, sahen unter uns abendlich Bischofsgrün liegen, und gegenüber, nur etwas höher als wir selbst standen, den Schneeberg, rechts von ihm den Nußhart. Wir eilten bald unsern Weg wieder vom Ochsenkopf herunter, über den Seeberg weg, dem Nußhartsberge zu. Das vortrefflichste Granitgebäude von breiten, größeren und kleineren, horizontalen Massen, mit dazwischen vorkommenden senkrechten Spaltungen zeigt sich daselbst, und mag vielleicht nur von den auf dem Rudolphstein übertroffen werden, zu dem wir uns aber nicht mehr hinzuwagten, weil heftige Gewitter die Hälfte des Himmels belagert hielten, und uns den weiten Heimweg hätten versperren können. Wir machten uns also unter abwechselnden kleinen Gewitterstreifen davon, und kamen Abends zehn Uhr nach Hause.

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