Normalzeugnis Zeugnis
Campagne in Frankreich. 11. 10. 1792 (WA I 33, 130)
Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir früh um drei Uhr eben im Begriff unsern gegen das Hofthor gerichteten Wagen zu besteigen, als wir ein unüberwindliches Hinderniß gewahr wurden; denn es zog schon eine ununterbrochene Colonne Krankenwagen, zwischen den zur Seite aufgehäuften Pflastersteinen, durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als wir nun so standen abzuwarten was erreicht werden könnte, drängte sich unser Wirth, der Ludwigsritter, ohne zu grüßen an uns vorbei. Unsere Verwunderung über sein frühes und unfreundliches Erscheinen ward aber bald in Mitleid verkehrt, denn sein Bedienter, hinter ihm drein, trug ein Bündelchen auf dem Stocke, und so ward es nur allzu deutlich, daß er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen mußte.
Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft: daß sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren, gegen Zucker und Kaffee, vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glücklich gewesen sei. Die Thätigkeit des gewandten Liseurs war hiebei nicht zu verkennen; auch durch ihn kamen wir dießmal vom Flecke, denn er sprengte in eine Lücke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann so lange zurück, bis wir sechs- und vierspännig eingeschaltet waren ...
So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten eigenen Stockung selbst über Bord geworfen zu werden; unter welchen Umständen freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu rühmen und zu preisen war. Dieselbe bethätigte sich denn auch zu Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schönen wohlgebauten Städtchen, durch Straßen und auf Plätzen ein sinneverwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten; die Masse wogte hin und her, und indem alles vorwärts drang ward jeder dem andern hinderlich. Unvermuthet ließ unser Führer die Wagen vor einem wohlgebauten Hause des Marktes halten, wir traten ein, Hausherr Mengin und Frau begrüßten uns in ehrerbietiger Entfernung ...
Ein gutes Essen war uns bereitet, die köstlichste Schöpsenkeule besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so waren wir neben dem größten Getümmel in der schönsten Beruhigung ... Aber uns erwartete in diesem gastlichen Hause eine wahrhaft herzergreifende Familienscene.
Der Sohn, ein schöner junger Mann, hatte schon einige Zeit, hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgethan. Als nun aber die Preußen eingedrungen, die Emigrirten mit der stolzen Hoffnung eines gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen müsse, eiligst aufgeben, zurückkehren und diesseits für die gute Sache fechten. Der Sohn, wider Willen, aus Pietät, kommt zurück, eben in dem Moment da Preußen, Östreicher und Emigrirte retiriren; er eilt verzweiflungsvoll durch das Gedränge zu seinem Vaterhause. Was soll er nun anfangen? und wie sollen sie ihn empfangen? Freude ihn wieder zu sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrrung ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger Mann dem neuen Systeme günstig kehrt er genöthigt zu einer Partei zurück, die er verabscheut, und eben als er sich in dieß Schicksal ergibt, sieht er diese Partei zu Grunde gehen. Aus Paris entwichen weiß er sich schon in das Sünden- und Todesregister geschrieben; und nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterlande verbannt, aus seines Vaters Hause gestoßen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen möchten, müssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des Wiedersehens, weiß nicht wie er sich losreißen soll; die Umarmungen sind Vorwürfe und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht, schrecklich.
Unmittelbar vor unserer Stubenthüre ereignete sich das alles auf der Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich weinend entfernt, als eine Scene, fast noch wunderbarer, auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und, obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lächeln abnöthigte. Einige Bauersleute, Männer, Frauen und Kinder drangen in unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mir zu Füßen. Mit der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie, daß man ihr schönes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pächter eines ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen, eben triebe man sie vorbei, es hätten Preußen sich derselben bemächtigt; ich solle befehlen, solle Hülfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich zu besinnen, an’s Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter mich und sagte: Verzeihen Sie! ich habe Sie für den Schwager des Königs von Preußen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirthung zu finden. Die Bauern hätten freilich nicht hereinkommen sollen; aber mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und scheinen überzeugt von meinen Vorschlägen.
Was war zu thun? überrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und schien über die Umstände nachzudenken ... Und wie der Arzt in verzweifelten Fällen wohl noch ein Hoffnungsrecept verschreibt, entließ ich die guten Menschen mehr pantomimisch als mit Worten ...
Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster waren helle, zum Zeichen daß alle Zimmer besetzt seien. An jeder Hausthüre ward protestirt, von den Einwohnern die keine neuen Gäste, von den Einquartierten die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne viel Umstände aber drang unser Husar in’s Haus, und als er einige französische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, einen Platz am Kamin einzuräumen. Wir traten zugleich herein, sie waren freundlich und rückten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche Positur ihre aufgehobenen Füße gegen das Feuer zu strecken. Sie liefen auch wohl einmal im Saale hin und wieder und kehrten bald in ihre vorige Lage zurück, und nun konnt’ ich bemerken, daß es ihr eigentliches Geschäft sei den untern Theil ihrer Gamaschen zu trocknen.
Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt; es waren eben dieselbigen, die heute früh neben unserm Wagen im Schlamme so zierlich einhertraten. Nun früher als wir angelangt hatten sie schon am Brunnen die untersten Theile gewaschen und gebürstet, trockneten sie nunmehr, um morgen früh neuem Schmutz und Unrath galant entgegen zu gehen.
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