Normalzeugnis Zeugnis
A. L. E. Horn an Rahel Levin 3. 9. 1795 (Rahel 1, 158)
Wenn es uns auch gleichgültig ist die Meinung der Menge von uns zu erfahren, so ist es uns desto interessanter, die Meinung eines liebenswürdigen und geliebten Menschen zu hören; hier ist sie! – Ich sagte – ich weiß nicht mehr was, und wüßte ich es auch, wär’s doch hier unbedeutend – darauf antwortete Goethe: „Ja, es ist ein liebevolles Mädchen; sie ist stark in jeder ihrer Empfindungen, und doch leicht in jeder Äußerung; jenes giebt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht sie angenehm; jenes macht, daß wir an ihr die große Originalität bewundern, und dies, daß diese Originalität liebenswürdig wird, daß sie uns gefällt. Es ist nicht zu läugnen, es giebt viele wenigstens original scheinende Menschen in der Welt; aber was sichert uns dafür, daß es nicht bloßer Schein ist? daß das, was wir für Eingebungen eines höheren Geistes zu halten geneigt sind, nicht bloß Wirkung einer vorübergehenden Laune ist? – Nicht so ist es bei ihr; – sie ist, so weit ich sie kenne, in jedem Augenblicke sich gleich, immer in einer eigenen Art bewegt, und doch ruhig, – kurz, sie ist was ich eine schöne Seele nennen möchte; man fühlt sich, je näher man sie kennen lernt, desto mehr angezogen, und lieblich gehalten.“ – Dies war’s, was ich Ihnen so gern selbst sagen wollte; nehmen Sie es, wie es ist; ich habe seine Worte, wo mein Gedächtniß mich nicht verließ, beibehalten. – Meinen schönsten Werth habe ich hingegeben; ich muß, wenn es mir möglich ist, noch einmal zu Goethe nach Weimar um Worte köstlichen Sinnes zu sammeln, um die Weisheit in ihrer liebenswürdigsten Gestalt noch viel aus seinem Munde zu hören. Wie hat sich meine Meinung von ihm geändert, seit ich im Karlsbad war; schon deßwegen ist es mir lieb, da gewesen zu sein. – Wir sprachen weiter, und kamen auf Ihre große Liebe zu ihm als Dichter: „Es ist mir doppelt lieb, sagte er, denn es ist bei ihr keine allgemeine Idee; sie hat sich jedes Einzelne deutlich gemacht. Eine allgemeine Idee beweist größtentheils, daß wir unsre Würdigung des Dichters aus der Meinung Anderer nehmen; haben wir uns aber jedes Einzelne deutlich gemacht, so zeigt das natürlich, daß wir selbst rein empfunden und deutlich gedacht haben.“
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