Brief

Von Arthur Schopenhauer (23. Juni 1818)

S. sei von seiner Schwester (Adele) über G.s Wohlsein unterrichtet worden, zuletzt auch über die Geburt eines Enkels (Walter am 9. April), wozu er Glück wünsche. - Nach mehr als vierjähriger Arbeit in Dresden habe S. sein Werk vollendet, dessen Titel 'Die Welt als Wille u. Vorstellung [...]' (vgl. Ruppert 3125) bisher noch niemand außer ihm selbst und seinem Verleger F. A. Brockhaus kenne. G. solle von Brockhaus ein Exemplar erhalten (vgl. G.s Tagebuchnotiz vom 18. Januar 1819). S. stehe jetzt im 31. Lebensjahr und sehe dieses Werk als Frucht seines Lebens, denn er gebe C. A. Helvétius recht, daß bis zum 30sten höchstens 35sten Jahre im Menschen durch den Eindruck der Welt alle Gedanken erregt seien, deren er fähig ist, u. alles was er später liefert immer nur die Entwickelungen jener Gedanken sei (vgl. "De l'Esprit", Bd. 1). S. sei in der glücklichen Lage gewesen, früh u. frisch zu liefern, was Mancher, z. B. Kant, nur als Früchte der Jugend einmarinirt im Essig des Alters auftischen konnte. - Über seine für Anfang September vorgesehene Abreise nach Italien mit Bezugnahme auf Mignons Verse "Kennst du das Land ..." (aus: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" III 1) und auf G.s Gedicht "Rechenschaft"; dabei Zitat aus Dantes "Göttlicher Komödie". Wunsch, G. vorher noch wiederzusehen, aber bekannte Misverhältnisse (Anspielung auf die Differenzen mit seiner Mutter) verhinderten eine Reise nach Weimar. Gern hätte er auch seine Schwester gesehen, von welcher ihm Graf H. Pückler Blätter mit ausgeschnittenen Figuren (Scherenschnitte) mit poetischem Text (? G.s Verse "Zarte schattende Gebilde ...", WA I 4, 52) gezeigt habe. Bitte um Ratschläge und Empfehlungsschreiben für Italien. G.s "Italienische Reise" führe er mit sich; Hoffnung auf baldiges Erscheinen des 3. Bandes. - Zu S.s Schrift "Über das Sehn und die Farben", die G.s "Farbenlehre" die Bahn bricht; Erwähnung der Angriffe darauf in der "Leipziger Literaturzeitung" 1815 (Nr. 185, in einer Rezension über C. H. Pfaff "Über Newtons Farbentheorie, Herrn von Goethes Farbenlehre und den chemischen Gegensatz der Farben") und Hinweis auf eine Rezension über S.s Schrift in der "Leipziger Literaturzeitung" 1817 (Nr. 179), in der sich der Verfasser (? K. B. Mollweide) wie ein Wurm winde. Bezugnahme auf G.s Verse "Du wirkest nicht ..." (WA I 2, 240) und Zitat von Ovid "Pater, Peccavimus" ("Metamorphosen" II, 11). - Übersendung des Artikels "Farben", den H. D. A. Ficinus für das von J. F. Pierer herausgegebene "Medizinische Realwörterbuch" (Bd. 3) verfaßt habe. Darin werde zum ersten Mal S.s Theorie, verbunden mit G.s Farbenlehre, in einem Lehrbuch vorgetragen und Newton auf das Armsünderstühlchen verbannt. Kritik, daß S. in G.s physikalischen Heften ("Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie") keine Belobung erhalten habe. - Überbringer des Briefs sei C. A. Semler; erwähnt: S. Schütze.

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