Normalzeugnis Zeugnis

L. F. Goeriz, Schiller in Jena (Morgenblatt 21. 9. 1838, S. 907)

Seine Schillers Hypochondrie und seine Scheu vor Umgang mit Menschen war zu der Zeit, als Iffland auf dem Weimarschen Theater eine Suite von Vorstellungen gab, auf’s Höchste gestiegen. Schiller sollte auch dabei seyn; nun entstand die große Frage, wie ihn hinüber bringen nach Weimar und wie es möglich machen, daß Schiller die Vorstellung seiner Räuber etc. sehen könne, ohne selbst gesehen zu werden? Der Herzog ließ eine grillirte Loge am Proscenium für ihn zurichten. Goethe nahm ihn mit seiner Familie in sein schönes Haus auf, wo er ihm ein ganzes Stockwerk allein einräumte. Schiller wurde von Goethe mit beispielloser Schonung behandelt. Kleine Mittagessen, wobei fünf bis sechs Personen im Ganzen waren, wurden täglich von ihm gegeben. So saß ich mehrere Male mit Schiller, Goethe, Iffland und noch einem oder dem andern zusammen es wurden alle Besuche verbeten. Goethe gab eines Abends eine große Gesellschaft nach der Komödie, wo man an kleinen Tischen zu vier Personen aß und wozu auch der Herzog und der Hof kamen. Man versammelte sich in einem Saal, an den mehrere Nebenzimmer stießen. Im hintersten, dessen Thüre nicht geöffnet war, befand sich Schiller; nur einer oder zwei seiner näheren Bekannten gingen zu ihm hinein. Ihnen folgten andere, und so bereitete man ihn vor, daß auch diese Thüre geöffnet werden konnte und er nach und nach an den Anblick einer größern Gesellschaft gewöhnt wurde.

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