Normalzeugnis Zeugnis

Lavater an Wieland 8./9. 11. 1775 (SchrGG 16, 342)

Wer kann verschiedner denken, als Goethe und ich; und dennoch lieben wir uns sehr ... Goethe war voll Bonhomie zu Ihnen zukommen. Das weiß ich. Sie werden über den Mann erstaunen, der mit dem Grimm des Tigers, die Gutherzigkeit eines Lämmleins verbindet. Ich habe noch keinen festern und keinen zugleich leitsamern Menschen gesehen. Prometheus? Eh ich wußte, daß Wagner Verfaßer war, sagt ich, sagt’s ihm selbst – „Goethes unwürdig!“ – Liebster Wieland, Sie irren sich gewiß, wenn Sie Goethe für den Verfaßer des Prometheus halten. Das ist so, so wenig Sie die Menschen, Thier und Göthe, die man hier Ihnen zuschreiben wollte, gemacht haben. Beydes bestreit ich mit gleicher Zuversicht. Das erste ist Goethen, das andere Ihnen – unmöglich. – Goethe ist der liebenswürdigste, zutraulichste, herzigste Mensch. Bey Menschen ohne Prätension; der zermalmendste Herkules aller Prätension. Nehmen Sie zum Pfand seines edlen Herzens seine brüderliche Liebe zu mir tausendmal schwächern. Der Wurm darf dem Adler um den Schnabel kriechen. Seine Größe ist wirklich übern Neid erhaben, und der Wurm darf ihm dennoch ins lächelnde Herz flüstern: Deiner Flügel Schlag, und ihren Todeston – laß ruhn! Billiger ist kein Mensch in mündlicher Beurteilung anderer – Toleranter niemand, als Er. Ich hab’ Ihn neben Basedow und Hasenkamp – bey Herrenhutern und Mystikern, bey Weibchens und Männinnen, bey Kleinjoggen und Boßhard (zwey unendlich verschiedene Himmelsprodukte unsers Landes) allenthalben denselben edeln, alles durchschauenden, duldenden Mann gesehen. Aber ja! – wehe dem, der Prätensionen gegen ihn macht – und – der „seine canonischen Bücher“ angreift.

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