Normalzeugnis Zeugnis
K. v. Lyncker, Am Weimar. Hofe S. 46
Mit der neuen Regierung tat sich eine neue Welt für Weimar auf, und es traten ganz unerwartete Erscheinungen hervor. Vor allem erregte die Ankunft des Dr. Goethe allgemeine Aufmerksamkeit, dessen Schriften, unter ihnen jedoch insbesondere ‚Die Leiden des jungen Werther‘ sowie der bekannte ‚Faust‘ für einen angehenden Regenten nicht wohlgeeignet schienen, wie sie auch bereits zuviel Sentimentalität in die Jugend gebracht hatten, als daß manche Eltern dieses Buch nicht hätten verwünschen und den Verfasser für einen gefährlichen Mann halten sollen. Allein er war angekommen und von nun an vom Herzoge unzertrennlich. Wieland empfing ihn natürlich sehr kalt, denn sie waren sich schon von beiden Seiten in Schriften feindlich entgegengetreten ... Doch gewann Wieland bei noch näherer Bekanntschaft soviel Achtung und Liebe für Goethe, daß er in große Lobeserhebungen ausbrach ...
Ich wurde dem Dr. Goethe bald nach seiner Ankunft bei der Oberstallmeisterin v. Stein, mit deren drei Söhnen ich viel Gemeinschaft hatte, als Knabe von acht Jahren in dem dermaligen Landschaftskollegialhause vorgestellt, in welchem jene Dame wohnte. Seine steife Haltung, die enge Bewegung seiner Arme und sein Perpendikulargang fielen allgemein auf. Spaßhaft genug hatte ihm das Schicksal einen Bedienten, nur unter dem Namen Philipp bekannt, zugeführt, der, obgleich etwas kleiner, fast eine gleiche Gestalt mit ihm hatte und seine Bewegungen so treu nachahmte, daß man oft versucht war, ihn von weitem für Goethe selbst zu halten. Dieser Philipp war der nachmalige Rentamtmann Seidel.
Goethe war ein besonderer Patron von Kindern, und ich entsinne mich sehr genau, wie er uns gleich bei dem ersten Zusammentreffen in den Zimmern der Frau v. Stein auf den Boden legte und in mancherlei Kunststücken unterrichtete.
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