Normalzeugnis Zeugnis

C. F. Meyer, Mathilde Escher (Frey2 2, 484)

Es ist eine Tradition der „Schipf“, daß zu Ende des letzten Jahrhunderts der fast fünfzigjährige Goethe ihr Gast gewesen sei. Den Saal des obern Hauses betretend und einen weiten Raum mit einer Orgel erblickend, habe er nach dem Ausrufe: „Hier muß man tanzen!“ den ganzen Saal wie ein reigenführender Apollo im Tanzschritte durchmessen. Ein anderes Goethe-Geschichtchen will ich doch auch hier verzeichnen, obwohl es die deutschen Freunde, denen ich es erzählte, nicht sonderlich angesprochen hat; immerhin, so unbedeutend es sein mag, ist es ein authentisches Goethe-Geschichtchen. Der greise Herr Escher selber hat es mir mit einem gewissen Behagen erzählt, und ich gebe es mit seinen eigenen, mir vollkommen erinnerlichen Worten wieder. Goethe sei mit Escher und zwei jungen Leuten, Deutschen von Adel, wie dieser meinte, von Zürich auf die mehr als zwei Stunden entfernte Albishöhe gewandert. Der eine der Jünglinge, den er mit dem Fernrohr betraut, habe es im Albiswirthshause liegen lassen und Goethe dann erst wieder vor den Thoren der Stadt danach gefragt, um den Lässigen ohne Weiteres auf den Berg zurückzuschicken. „Es liegt auf dem Tischchen unter dem Spiegel“, so habe er ihm den Ort genau bezeichnet. Ich warf ein, Goethe selbst hätte sich wohl erst auf den Ort besinnen müssen. „Keineswegs,“ versetzte der alte Escher eifrig, „sondern er wollte dem jungen Menschen eine Lehre geben. Ich fand die Lehre etwas hart,“ schloß er, auf den Stockzähnen lächelnd.

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