Brief
An Heinrich Christian Boie (16. Oktober 1773)
Ihr Freund Schönborn ist ein fürtrefflicher Mann, mich freuts dass er sich s bey uns gefällt, und einige Tage bleibt. Wir treffen uns an mancherley Seiten, und das ist wohl das liebste was einem begegnen kann.
Ihre Blumenlese wird sich trutz dem Neid des hinckenden Götterboten erhalten, der nur für seine eigne Finanzen sorgen mag. Ueberrascht hat mich Bürgers Lenore da ist ein erstaunend Gefühl und Dicktion drinne. Besonders das reiten kann ich würcklich schon auswendig. Die Verzweifl. des Mädgens ist für mich um ein Paar Strophen zu diffus.
Der andren Gedichte liegen viel außer meinem Empfindungs Kreis, und das lass ich auch gerne liegen.
Was mich noch besonders ergötzt hat ist der freye Ton und das warme deutsche Gefühl von Treue und Unabhangigkeit. Auch ist viel süsse Gefälligkeit der Liebe und Jugend Genusses mir entgegengekommen. Doch hab ich ihn nur flüchtig durchgesehn und das ist die garstigste Art so eine Sammlung zu brauchen. Ehstens will ich Ihnen allerley schicken, was Teils Bode von mir hat teils nicht. Jetzt binn ich sehr zerstreut, in hundert Sachen, und meiner Schwester Hochzeit mit dem Hofrath Schlosser nähert sich. Leben Sie wohl.
Goethe.
am 16. Okbr. 1773.
Dancken Sie Ihrem Freunde für seine warmen Gesinnungen. Ich freue mich, mir die Liebe vieler guten und edlen durch mein Stück erworben zu haben. Weiter wünscht ich nichts.
So eben Treff ich auf Klopst. Weissagung . Es ist herrlich.
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