Normalzeugnis Zeugnis
H. Steffens, Die vier Norweger (Morgenblatt 29. 1. 1828, S. 98)
In einer Familie, die mich freundlich aufnahm und an die ich immer mit Liebe denke, ward ich bey einer Abendgesellschaft zugleich mit einem liefländischen Baron, der mir keinesweges bedeutend vorkam, zum ersten Mal Goethen vorgestellt. Ich hatte Manches von ihm gehört, er war mir oft geschildert worden; als ich ihn sah, überraschte er mich dennoch. Die hohe Stirne, das große, brennende, durchbohrende Auge, die starken Züge, wie gewaltsam zur Ruhe gebracht, und die hohe, edle, zuversichtliche Gestalt, Alles schien mir diesem Geschlecht fremd wie sein Geist. So dachte ich mir Plato, der ja die Griechen selbst durch seine Gestalt, wie durch seine Rede beherrschte. Goethe grüßte mich flüchtig, wandte sich darauf, ohne auf mich zu achten, gegen den Baron, und hatte den ganzen Abend hindurch kein Wort für mich. Soll ich dir meine Schwäche gestehen? und warum nicht? So natürlich es war, daß ein unbedeutender, unbekannter junger Mann ihm völlig gleichgültig erscheinen mußte, dennoch schien es mir völlig unverzeihlich.
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