Brief

Von Johann Christian von Mannlich (19. August 1804)

G.s Beyfall habe M. in seiner Idee bestärkt. Während er in Schleißheim noch den alten Weg der Gruppierung der Gemälde nach Schulen beschritten habe, sei er nunmehr von der Richtigkeit, die besten Wercke aller Arten und Schulen zusammenzustellen, überzeugt. In der kurfürstlichen Galerie in München habe M. im letzten Saal Raffaels "Heiligem Hieronymus", als Repräsentanten der römischen Schule, umgeben von Werken von Rubens, A. van Dyck, Veronese, Rembrandt, Caravaggio, Claude Lorrain und Leonardo da Vinci, die "Vier Apostel" Dürers gegenübergestellt. Nie schien mir Albrecht Dürer grösser als bey diesem Vergleich; Erwähnung von Volterra. Sonst gebe er eine ideé von gothischer Trockenheit: Hier allein, in seinen letzten Wercken, ist er Gros, einfach, kraftvoll wie ein Raphael und bestehet die Probe neben ihm, besser als was wir besitzen. Die Gemälde der zur Manier übergangenen Schulen habe M. im Vorsaal der Galerie ausgestellt. Das Streben des Kunstgeistes beginne mit einem Gemälde von Masaccio, dem Ghirlandaio, Michelangelo, Perugino, Raffael, Mantegna und F. Francia folgten. Einer treuen Copie von der Madona della Segiola, als der höchste Grad, seien die Nachahmer J. Pippi (Giulio Romano), G. Pencz, Veronese, als schon manierirt, und Gherardini als manierist beigegeben. Correggio werde von B. Spranger, J. von Achen, G. B. Piazzetta, Tiepolo Vater und Sohn, J. M. Rottmayr, P. Brandel, Stella (I. Stern), C. A. Coypel, A. Watteau, F. Boucher, J. B. Le Prince u.a. begleitet. Daran erkenne man die Ausartung aller Schulen und ihre Abweichung von dem Stifter. Über die unterschiedliche Wirkung dieser Anordnung bei Schülern und Lehrern und die Wuth der Gegner M.s. Er sei bereits in der "Zeitung für die elegante Welt" (1804, Nr. 18) angegriffen worden, gedenke aber nicht, darauf zu antworten. - Um die hierzulande zum bloßen Handwerk herabgesunkene Kunst zu förden und den allgemeinen Kunstsinn zu veredlen, habe er ein "Zeichenbuch für Zöglinge der Kunst und Liebhaber. Aus Raffaels besten Werken gezogen" (Ruppert 2414) mit Kupferstichen eines jungen Künstlers (J. N. Strixner) herausgegeben. Die beiden bisher erschienen Hefte werde er G. übersenden. Hinweis auf M.s Schrift "Versuch über Gebräuche, Kleidung und Waffen der ältesten Völker bis auf Konstantin den Großen, nebst einer Anmerkung über die Schaubühne" (München 1802), die der barbarischen Kostümmalerei entgegentrete. - G.s Beifall und Vorbild befähige M., für wahre Kunst zu arbeiten und ihr Aufkeimen zu befördern sowie allen Anfeindungen standzuhalten. Nachdem G. sogar den ihm nächstens zugehenden Katalog der Gemäldesammlung ("Beschreibung der [...] Gemäldesammlungen zu München und zu Schleißheim", Ruppert 2198) und M.s Anordnungssystem bekanntmachen wolle (vgl. J. H. Meyers Rezension, in: JALZ 1806, Nr. 10), sei M. ganz beruhigt. Entschuldigung für seine Schreibart; er verstehe diese Kunst nicht. - Um G.s Wunsch nach Münzen von der vorgeschriebenen Art zu erfüllen, habe M. schon an den Commissionaire zu Rom (F. Müller) geschrieben. Er selbst wolle vatterländische Medaillen zu erhalten suchen.

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