Normalzeugnis Zeugnis

L. v. Fritsch, Journal von den Jahren 1792–96 während des Französischen Revolutions-Krieges (Voss. Zeitg. 15. 5. 1927, Unterhaltungsbl. 113)

Den 25. August 1792 kam früh der Bediente des Herrn G. R. Goethe zu mir und sagte mir, daß seyn Herr sich resolviert habe, diesen Tag noch hier zu bleiben. Es war mir außerordentlich lieb, daß derselbe, mein alter Gönner und Freund sich dazu entschlossen hatte und ich gieng sogleich, ihm meine Aufwartung zu machen. Er war außerordentlich gut und ich verschaffte ihm ein Pferd und so ritten wir, er auf den dicken Braunen über die Mosel Brücke, sahen da eine Esquadron Französische reitende Jäger vorbey passieren, ritten um die ganze Stadt, deren Lage der G. R. recht artig fand, herum und stiegen im Pallast ab und besahen die Canone und den Freyheitsbaum. Erstere ist unter Ludwig den 14ten aus der Schweiz nach Frankreich gekommen und letztere ist ein langer buntgemahlter Baum mit einer Scheibe, auf welchen die Inschrift steht. Der G. R. freute sich über dieses erste Zeichen und nahm sich vor den Prinz August v. Gotha eine Zeichnung davon zu liefern. Wir giengen nach Haus, er lud mich zum Essen und führte seinen Plan eine Zeichnung zu liefern sogleich recht schön aus. Er war recht aufgeräumt und sprach viel von alten Zeiten und auch mitunter von dem was uns jetzt bevorsteht. Ich hatte lange nicht so einen vergnügten Mittag gehabt. Nach dem Essen beschloß er unseren Staabs Medicus Conradi einen Besuch abzustatten und durch ihn die Einrichtung in unseren Lazareth zu sehen. Wir giengen dahin und sahen die leidenden Menschen nicht ohne Rührung. Alle rühmten die gute Pflege und Sorge der Aerzte und dankten Gott in solche Hände gerathen zu seyn. Der Major v. Berg, Intendant über alle Lazarethe, war auch da, er ist ein sehr menschlicher und gutherziger Mann. Der G. R. freute sich über die guten Anstalten, die Menschen zu erhalten wo sie am Nöthigsten sind und wo man oft Beyspiele hat daß sie für nichts geachtet werden. Gegen Abend empfahl ich mich den Herrn G. R. weil ich wußte daß er noch von hier aus einige Briefe schreiben wollte. Er schickte mir den Abend seyne Briefe zur Besorgung auf die Post.

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