Normalzeugnis Zeugnis
Sophie Becker, Reisetagebuch 15. 7. 1785 (Karo – Geyer S. 157)
Erst hier in Bayreuth ... hole ich den übrigen Teil von Göckingks Geburtstag 13. 7. nach. Den Mittag speisten wir in einer geschlossenen Gesellschaft in einem der Säle. Göckingk selbst wie auch Bernhard Becker und die Rutenberge mußten bei Prinz Adam Czartoryski dinieren. Unsre Tischgesellschaft bestand aus dem Brühlschen Hause, Herder, Goethe, Hofrat Voigt mit seiner Frau, Bergrat Rosenstiel mit seiner Frau, Buchhändler Spener mit seiner Frau, Hofrat Lieb, Schwarz, Darbes, Ursinus, Frau von Stein, Herrn von Schardt, Herrn von Knebel. Die Mahlzeit verging unter angenehmen Gesprächen, und wir hätten gern bis vier Uhr bei Tische zugebracht, wenn nicht jedes aus der Gesellschaft seine Geschäfte gehabt hätte und daher hätte wegeilen müssen. Besonders bereitete Moritz Göckingk eine Überraschung auf der Lorenzo-Kapelle. Bernhard hatte auf Tinas Gräfin Brühl Verlangen ein Liedchen auf den Tag verfertigen müssen. Dieses wollte ihm Tina singen. Gegen Abend mußte die obengenannte Gesellschaft, welche nur noch durch Göckingk selbst, Bernhard, die Rutenberge, Hofrat Le Roi, Herrn von Ziegesar vermehrt war, auf die Lorenzo-Kapelle gehen. Hier hatte Moritz eigenhändig eine Laube von Grünem errichtet, in deren Mitte ein Altar errichtet war mit der Inschrift: Der Freundschaft geweiht. Über dem Eingange der Grotte stand ein Vers aus Göckingks Epistel an Augusta, welche ungefähr anfängt:
Kaum waren wir alle an Ort und Stelle, als Tina zuerst ein Lied an die Freundschaft mit Begleitung von ein paar blasenden Instrumenten anhob, in welches sich bald Moritz, Colo Karl v. Brühl und die noch mehr aus der Gesellschaft Stimme hatten, mischten; und alsdann das Lied auf den Tag. Wir alle legten Blumen auf den Altar. Bei dem allem war es der schönste Sommerabend und dann der letzte vor einer Trennung, die vielleicht für dieses Leben die letzte war. Es war ein recht rührender Tag, und Lachen und Weinen wechselten recht wunderbar. Um neun zog alles den Hügel herab. Keiner sagte dem andern lebewohl – jeder fühlte dieses harte Wort.
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