Normalzeugnis Zeugnis

F. H. Jacobi an Herder 20./26. 12. 1792 (Ratjen S. 187)

Ihr habt ihn nun wieder meinen lieben Gast gesund und froh, wie ich hoffe, die Mahomedaner der Freyheit und Gleichheit spornten ihn von hier weg, und es reut mich nicht, daß ich ihn ziehen ließ. Es war schon sehr unruhig bei uns, da er ging, aber recht bange sind wir doch erst nachher geworden ... Über das Eine und Andere von Göthe und seinem Aufenthalt bei mir, das ich Euch erzählen wollte, muß ich mich kurz fassen. Man hatte mir zu Mainz und Frankfurt wunderliche Dinge von seinem Aussehen und Wesen erzählt. Ich fand ihn nicht so sehr verändert, und, wo er es war, ganz anders als man mir gesagt hatte. Die Sauberkeit, die er angenommen da ich ihn 84 zu Weimar wieder sah, war ganz von ihm weg, ich fand ihn jetzt wieder wie 1775, aber in dem, was er Rauhes hat, rauher ich mögte sagen karikaturirter als damals. Eben so fand ich sein Gesicht verändert. Er hatte von seiner Zartheit verloren. So sah ich die ersten Tage, und sagte es Göthe, wie ich es Euch hier schreibe. Nachdem er einige Tage hier war, seine Gesichtsfarbe wieder natürlich wurde, und ihm Ruhe und Pflege durch die Glieder gedrungen war, veränderte sich seine Gestalt, seine Bildung, seine ganze Gebärde. Der ganze innerliche wie äußerliche Mensch wurde milder. – Wie wir die vier Wochen, die er in meinem Hause zugebracht, mit einander gelebt, und benutzt, genossen, mannichfaltiger und tiefer erkannt, Herz und Geist mit einander gewechselt, und in welchem Grade wir Freunde sein zu müssen erfahren haben, werdet Ihr aus seinen Berichten besser vernommen, geahndet und verstanden haben, als ich es zu schreiben vermag.

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