Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 9. Oktober 1786
d. 9. Oktbr.
Ein köstlicher Tag von Morgends biß in die Nacht. Ich fuhr bißPalästrina, gegen Chiozza über wo die großen Baue sind, die die Republick gegen das Meer führen läßt. sie sind von gehaunenSteinen und sollen eigentlich die lange Erdzunge sichern, welche die Lagunen von dem Meere trennt, ein Höchst nöthiges undwichtiges Unternehmen. Eine große Carte die ich mitschicke wird dir die Sache begreiflich machen.
Die Lagunen sind eine Würkung der Natur, daß in dem Busendes Adriatischen Meers sich eine ansehnliche Landstrecke befindetwelche von der Fluth besucht und von der Ebbe zum theilverlassen wird. Wie Venedig, die Inseln, die Canäle die durch die Sümpfe durchgehn und auch zur Zeit der Ebbe befahren werdenietzt stehn und liegen, ist ein Werk der Kunst und des Fleißes;und Kunst und Fleiß müßen es erhalten.
Das Meer kann nur an zwey Orten in die Lagunen, bey den Castellen gegen dem Arsenal über und am andern Ende des lido bei Chiozza. Die Fluth tritt gewöhnlich des Tags zweymal hereinund die Ebbe bringt das Wasser zweymal hinaus, immer durchdenselben Weg, in der selben Richtung, füllt die Canäle undbedeckt die Morastigen Landstellen und so fliests wieder ab, läßtdas erhabnere Land, wo nicht trocken, doch sichtbar und bleibt in den Canälen stehn. – Ganz anders wäre es wenn es sich nachund nach andre Wege suchte, die Erdzunge angriffe und nachWillkühr hinein und heraus strömte. Nicht gerechnet daß dieOrtgen auf dem lido: Palestrina, St Peter pp leiden würden; sowürden die Canäle stellenweis ausgefüllt werden, das Wasser würde sich neue Canäle suchen, den lido zu Inseln und die Inselndie jetzt in der Mitte liegen vielleicht zu Erdzungen machen.Dieses nun zu verhüten, müssen sie den Lido bewahrenwas sie können. Nicht daß das Meer wüchse, sondern daß dasMeer nur willkührlich das angreifen und hinüber und hinüber werfen würde, was die Menschen schon in Besitz genommen,dem sie schon zu einem gewißen Zweck, Gestalt und Richtunggegeben haben.
Bey auserordentlichen Fällen, wie deren gewesen sind, daß dasMeer übermäsig wuchs, ist es auch immer gut, daß es zu zwey Orten herein kann und das übrige verschloßen ist, es kann alsodoch nicht so schnell nicht mit solcher Gewalt eindringen und muß sich dann doch auch wieder in einigen Stunden dem Gesetzder Ebbe unterwerfen und auch so wieder seine Wuth lindern.Ubrigens hat Venedig nichts zu besorgen, die Langsamkeit mitder das Meer abnimmt, läßt ihr Jahrtausende Raum, und siewerden schon den Canälen klug nach helfend sich im Besiz des Wassers zu halten wißen. Wenn sie ihre Stadt nur reinlicherhielten, das so nothwendich und so leicht ist, und würklich aufdie Folge von Jahrhunderten von großer Consequenz. So ist Z. E.bey schweerer Strafe verboten nichts in die Canäle zu schüttennoch Kehrig hinein zu werfen. Einem schnell einfallenden Regen aber ists nicht untersagt, alle den in die Ecken geschobenenKehrigt aufzusuchen und in die Kanäle zu schleppen. Ja, wasnoch schlimer ist, den Kehrigt in die Abzüge zu führen, dieallein zum Abfluß des Waßers bestimmt sind und sie zu verschlemmen.Selbst einige Carreaus auf dem kleinen Markus Platze, die, wie auf dem großen zum Abfluß des Waßers gar klugangelegt sind, hab ich so verstopft und voll Waßer gesehen.Wenn ein Tag Regenwetter einfällt ist ein unleidlicher Koth.Alles flucht und schimpft. Man besudelt, beym Auf und Absteigender Brücken, die Mantel, die Tabaarros, alles läuft in Schun und Strümpfen und bespritzt sich, und es ist kein gemeiner sondernwohl beitzender Koth. Das Wetter wird wieder schön undkein Mensch denkt an Reinlichkeit. Der Souverain dürfte nurwollen; so geschäh es, ich möchte wißen ob sie eine politischeUrsache haben, das so zu laßen, oder ob es die kostbare Negligenz ist, die dieses hingehn läßt.
Heute Abend ging ich auf den Markusthurn. Da ich neulich dieLagunen in ihrer Herrlichkeit, zu Zeit der Fluth, von oben gesehnhatte, wollt ich sie auch zur Zeit der Ebbe in ihrer Demuthsehn. und es ist nothwendig diese beyden Bilder zu verbinden, wenn man einen richtigen Begriff haben will. Es sieht sonderbaraus, da überall Land erscheinen zu sehen, wo vorher Wasserspiegelwar. Die Inseln sind nicht mehr Inseln, sondern nurhöhere bebaute Plätze eines großen graugrünlichen Morastesden schöne Canäle durchschneiden. Der Sumpfige Theil ist mit einem Wassergras bewachsen und muß sich auch dadurch nachund nach heben, obgleich Ebbe und Fluth beständig dran rupfenund wühlen und der Vegetation keine Ruhe laßen.
Ich kehre noch einmal ans Meer zurück! Dort hab ich heut dieWirthschafft der Seeschnecken, Patellen |: Muscheln mit Einer Schaale :| der Taschenkrebse gesehen und mich herzlich darübergefreut. Was ist doch ein lebendiges, für ein köstlich herrliches Ding. Wie abgemeßen zu seinem Zustande, wie wahr! wie seyend! Und wieviel hilft mir mein bischen Studium und wiefreu ich mich es fortzusetzen! Gute Nacht meine Liebe! Ich habe nun einen Vitruv den muß ich studiren, damit ich erleuchtetwerde. Gute Nacht.
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