Normalzeugnis Zeugnis

Campagne in Frankreich. 19. 9. 1792 (WA I 33, 60)

Ganz unerwartet kam in Massiges ... das Gerücht, das Lager solle nicht statt haben, denn es sei die Nachricht angekommen, das französische Heer ziehe sich von Sainte Menehould auf Chalons, der König wolle sie nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben. Ich suchte an der rechten Schmiede hierüber Gewißheit und vernahm das was ich schon gehört hatte, nur mit dem Zusatze: auf diese unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar und der General Heymann, mit eben den Husaren welche die Unruhe erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurück und versicherten: es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken, auch mußten jene Patrouillen gestehen, daß sie das Gemeldete mehr geschlossen als gesehen hätten ... Nicht einen Augenblick zweifelhaft was zu thun sei, überließ ich Wagen, Gepäck und Pferde meinem entschlossenen sorgfältigen Bedienten und setzte mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde. Es war schon früher mehrmals zur Sprache gekommen, daß wer sich in einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulirten Truppen ... fest bleiben und keine Gefahr scheuen solle ... So hatte ich auch mit den Officieren des Regiments abgeredet, daß ich mich immer an sie und wo möglich an die Leib-Schwadron anschließen wolle, weil ja dadurch ein so schönes und gutes Verhältniß nur immer besser befestigt werden könne ... Indem man neben der Colonne herritt, begegnete man mehreren bekannten Officieren, die hin- und wiedersprengten, um die Bewegung des Marsches bald zu beschleunigen, bald zu retardiren. Man besprach sich, man hielt stille, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von vielleicht zwölf Bekannten und Unbekannten zusammen gefunden, man fragte, klagte, wunderte sich, schalt und räsonnirte: das gestörte Mittagsessen konnte man dem Heerführer nicht verzeihen. Ein munterer Gast wünschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit seinen Wünschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen Leckerbissen, nicht an den köstlichsten Weinen, und ein so vollkommenes Gastmahl war beisammen, daß endlich einer, dessen Appetit übermäßig rege geworden, die ganze Gesellschaft verwünschte und die Pein einer aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatze des größten Mangels ganz unerträglich schalt ... So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der König war in einem Gasthofe abgetreten, vor dessen Thüre der Herzog von Braunschweig, in einer Art Laube, Hauptquartier und Canzlei errichtete. Der Platz war groß, es brannten mehrere Feuer, durch große Bündel Weinpfähle gar lebhaft unterhalten. Der Fürst Feldmarschall tadelte einigemal persönlich, daß man die Flamme allzustark auflodern lasse; wir besprachen uns darüber, und niemand wollte glauben, daß unsere Nähe den Franzosen ein Geheimniß geblieben sei. Ich war zu spät angekommen und mochte mich in der Nähe umsehen wie ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz genommen ... Als mir aber so eben ein lieber Bekannter begegnete, der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist ein ... Ich forderte meinen Freund auf, die lange Gasse mit hinunter zu gehen. Aus dem vorletzten Hause kam ein Soldat fluchend heraus, daß schon alles aufgezehrt und nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da saßen ein paar Jäger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrüßten sie als Kameraden, und klagten freilich über den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und Wiederreden verlangten sie wir sollten ihnen Verschwiegenheit geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun eröffneten sie uns, daß sie in dem Hause einen schönen wohlbestellten Keller gefunden: dessen Eingang sie zwar selbst secretirt, uns jedoch von dem Vorrath einen Antheil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlüssel hervor und nach verschiedenen weggeräumten Hindernissen fand sich eine Kellerthür zu eröffnen. Hinabgestiegen fanden wir nun mehrere, etwa zweieimrige Fässer auf dem Lager, was uns aber mehr interessirte, verschiedene Abtheilungen in Sand gelegter gefüllter Flaschen, wo der gutmüthige Kamerad, der sie schon durchprobirt hatte, an die beste Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund deßgleichen, und so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Straße wieder hinaufwärts. Unmittelbar am großen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere starke Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich sogleich den Mitgenuß anbot. Sie thaten gute Züge, der letzte bescheiden, da er wohl merkte er lasse mir nur wenig zurück; ich verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite hervor, trank den Freunden zu, die sich’s abermals wohl schmecken ließen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Flasche jedoch laut über den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz. Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreise vom Feuer erleuchtet war, erblickt’ ich einen ältlichen Mann, den ich zu kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annäherung war er nicht wenig verwundert mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet hatte, wo er als französischer Gesandter residirend sich höchst angelegen sein ließ, dieser trefflichen Fürstin den dortigen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Wechselseitiger Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seine prächtige Wohnung am großen Canal, es ward gerühmt, wie wir daselbst in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirthet worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreute, auch sie durch seinen Einfluß manches andere, für Fremde sonst verschlossene Gute genießen lassen. Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine wahrhafte Lobrede zu ergötzen gedachte, mit Wehmuth ausrufen hörte: „Schweigen wir von diesen Dingen, jene Zeit liegt nur gar zu weit hinter mir, und schon damals als ich meine edlen Gäste mit scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen, ich sah die Folgen voraus dessen was in meinem Vaterlande vorging. Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie die auch Ihnen bevorstehende Gefahr nicht ahneten; ich bereitete mich im Stillen zu Veränderung meines Zustandes. Bald nachher mußt’ ich meinen ehrenvollen Posten und das werthe Venedig verlassen und eine Irrfahrt antreten, die mich endlich auch hierher geführet hat“.

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