Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 9. September 1786

Note a. Witterung Diesen Punckt behandle ich so ausführlich weil ich eben glaube in der Gegend zu seyn, von der unser trauriges nördliches Schicksal abhängt. Wie ich schon im vorigen Stück gesagt habe.Ja es giebt mich nun nicht so sehr wunder, daß wir so schlimmeSommer haben, vielmehr weis ich nicht wie wir gute habenkönnen. Die Nacht vom 9. auf den 10ten war abwechselnd helle undbedeckt, der Mond behielt immer einen Schein um sich. Morgensgegen 5 Uhr der ganze Himmel bedeckt mit grauen nichtschwer hängenden Wolken. Die obere Luft war noch immer elastisch genug. wie der Tagwuchs, theilten sich die Wolcken, nach meiner Theorie: sie wurdenaufgezehrt und ie tiefer ich hinab kam desto schöner wardas Wetter. Wie nun gar in Botzen der grose Stock der Gebirge mitternachtlich blieb, ward die Luft immer reiner. Zwar muß ich das genauerausdrücken. Die Luft wie man an den verschiednen Landschafftsgründen sahwar Voller Dünste, aber die Athmosphäre elastisch genug sie zu tragen. Wie ich weiter hinab kam konnt ich deutlich sehn daß alleDünste aus dem Botzner thal und alle Wolcken, die von denBergen die noch mittägiger liegen, aufstiegen nach dem Gebirgezu zögen und es nicht verdeckten aber in eine Art von Höherauch einhüllten. Ja ich habe in der weitsten Ferne über demGebürge eine Wasser galle |: den einen, undeutlichen Fus einesRegenbogens :| gesehen. Aus allem diesem schliese ich ihr werdet ietzt gemischte dochmehr gut als böse Tage haben, denn obgleich die Athmosphäre wie ich offt wiederhohle elastisch genug zu seyn scheint; so mußdoch immer soviel von den Dünsten nach Norden kommen, wasdort nicht gleich aufgelöst und in einer niedrern Athmosphäreschwebend als Regen herunter fallen muß. Von Botzen südwärtshaben sie den ganzen Sommer das schönste Wetter gehabt. Von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser |: Aqua :||: statt gelindem Regen :|und dann wieder Sonnenschein, selbst gestern fielen von Zeit zuZeit einige Tropfen, und die Sonne schien immer dazu. Eben sagt mir die Wirthstochter: sie hätten lange kein so gutesJahr gehabt, es gerathe alles. Und ich glaube eben weil wir so ein übles gehabt haben. Note d Gebirge und Berg arten. S. Färbers Reise nach Italien. p. 397. Haquet Reise durch die pp.Alpen. Eine viertelstunde vom Brenner ist ein Marmor bruch es war schon dämmrich. Er mag und muß wie der von mir schon bemerckte Kalckstein der andern Seite auf dem Glimmer schieferaufliegen. Wahrscheinlich folgt nun immer Glimmer schiefermit Kalck an der Seite. |: abwechselnd mögt ich nicht sagen :| Farber nennt ihn Hornschiefer doch war damals die Terminologie der Gebirgsarten viel unbestimmter wie jetzt. Sieheseine Klagen. pag. 400 sqq . Bey Colman als es Tag ward fand ich Glimm Schiefer, auch indem Fluße sah ich keinen Kalck |: es ist möglich daß ich ihnübersehen habe auch, zerreibt er sich leichter, vielleicht ist auch dessen nur wenig :| Unter Kolman gingen die Porphyre an derenich eine Sammlung mit bringe und sie also nicht beschreibe. Die Felsen waren so prächtig und am Weege die Haufen so apetitlichzerschlagen, daß man gleich hätte Voigtische Cabinetchen darausbilden und verpacken können. Auch kann ich ohne Beschwerde von jedem Gestein ein Stück mitnehmen, wenn ich nur meinAuge und meine Begierde an ein kleineres Maas gewöhnenkann. Bald unter Kolmann fand sich auch ein Porphyr Fels der sich insehr regelmäsige Platten spaltete. Vor Botzen ein Porphyr mit grünen Speckstein Flecken und einerSpeckstein Ablosung. Unter Botzen Porphyre, endlich zwischen Brandsol und Neumarckder Porphyr der sich auch in regelmäsige Platten undwenn man will, in Säulen spaltet, die eine Parallepipedische Base haben. Färber hielt sie für Vulkanische Produckte, das war aber vor 14Jahren, wo die ganze Wissenschafft viel neuer war. Hacketmacht sich deshalb über ihn her. Verzeichniß der Gebirgsarten die ich aufgepackt habe. 1. Gewöhnlicher grauer Kalckstein vor und um Inspruck. 2. Gneis von den Weege steinen gegen den Brenner. 3. Gneisart eben daher. 4. Dieselbe mit sichtbarerem Feldspat. anstehend beym See. 5. Glimmerschiefer mit Quarz und isabell farbenem Kalckspat. 6. Derselbe mit Kalk 7. Kalck wie er auf dem Glimmerschiefer aufliegt. 8. Derselbe an der Ablosung gehort der Nummer nach voraus. 9. Glimmer Schiefer auf dem Kalck. 10. Schiefriger Kalckstein aus der Gegend. 11. Marmor unter dem Brenner nach Sterzingen zu. 12 Granit von der Chaussee unter Kolman 13 Gneis art eben daher. 14–18 Porphyrarten eben daher. 19 eine Porphyrart die sich regelmäsig spaltet. 20 Porphyr mit grünen Talck oder Specksteinflecken vor Botzen. 21. Porphyr dessen Farber erwähnt unter Brandsol. 22 Kalckstein weiter hinabwärts. 23. Basalt als Kiesel auf dem Wege von Roveredo nach Torbole. 24. Granit Geschiebe aus dem Lago di Garda. Note e. Menschen. Sobald nur der Tag aufging vom Brenner herunter bemerckte ich eine sonderbare Veränderung der Gestalt. besonders die Weiber hatten eine bräunlich bleiche Farbe, elendeGesichtszüge und die Kinder eben so und erbärmlich anzusehn.Die Männer waren ein wenig besser, die Bildung übrigensregelmäsig und gut ich suchte die Ursache und glaubte sie im Gebrauch des Mays und des Haiden zu finden. In diesen Gedankenbin ich immer mehr bestärckt geworden. Der Mays densie auch gelbe Blende nennen, weil seine Körner gelb sind, unddie schwarze Blende werden gemahlen, das Meel in Wasser gekocht daß es ein dicker Brey wird und so gegessen. Die Deutschen das heist die überm Berge rupfen den Teig wieder auseinanderund braten ihn in Butter auf; aber der Wälsche, Tyrolerisst ihn so weg, manchmal Käse drauf gerieben und das ganze Jahr kein Fleisch, nothwendig muß das alle Gefäsen verklebenund verstopfen besonders bey Kindern und Frauen unddie ganz kachecktische Farbe kommt daher. Ich fragte ob esnicht auch reiche Bauern gebe? – Ja freylich – – Thun sie sichnichts zu gute? essen sie nicht besser? – Nein, sie sie sind es einmal gewohnt. – Wo kommen sie denn mit ihrem Gelde hin?Was machen sie sonst für Aufwand? – O die haben schon ihreHerren die es ihnen wieder abnehmen! – Das war die Summe des Gesprächs mit meiner Wirthstochtereinem recht guten Geschöpfe. Sonst essen sie auch noch Früchte und grüne Bohnen die sie inWasser absieden und mit Knoblauch und Oel anmachen. Die Leute die mir aus der Stadt begegneten sahen wohler ausund hübsche volle Mädgen Gesichter, auf dem Lande und inkleinen Städten fehlte es auch nicht ganz, doch machten sie eine Ausnahme. Wenn es viel Wein giebt kaufen die Städter und andre Verleger den Bauern den Wein um ein Spottgeld ab und handlen damitpp Pauper ubique jacet . Und der Unterbesitzer liegt überall unten. Ich habe in Trentdie Leute genau angesehn sie sehn durchaus besser aus als aufdem Lande. Die Frauen sind meist für ihre Stärcke und diegröse der Köpfe etwas zu klein aber mit unter recht hübscheentgegenkommende Gesichter. Die Mannsgesichter kennen wir, doch sehn sie hier weniger frisch aus als die Weiber wahrscheinlichweil die Weiber mehr korperliche Arbeit, mehr bewegunghaben, die Männer mehr als Handelsleute oder Handwerckersitzen. Am Lago di Garda fand ich die Leute sehr braun undohne einen röthlichen Schein von Farbe; aber doch nicht ungesund aussehend sondern ganz frisch und behäglich.

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