Brief

Von Johann Gottfried Herder (27. Dezember 1788)

Zum Jahresende wolle H. noch von Rom aus G. ein Lebenszeichen geben. Das Winterwetter mache alle mißmutig; Herzogin Anna Amalia allein sei immer guter Laune. Sie habe gestern von Papst Pius VI. ein Geschenk (Mosaikbild mit dem Triumphbogen Konstantins) erhalten. Sie beschäftige sich viel mit Musik und habe in Konzerten bei den Kardinälen bei Kardinal Bernis und Fürst Ruspoli die ausgesucht-schönsten Sachen Italiens gehört. Um ihr die Abreise im Frühlinge zu erleichtern, schlagen H. und F. H. von Einsiedel vor, ihr in Weimar eine Art von Intendanz über Musik u. Theater zu übertragen. Da L. von Klinekowström nicht da sei, habe sicher keiner etwas dagegen. - H. sei in Italien nicht so glücklich; er wolle nur nicht wie G. Gleichgültigkeit gegen die Menschen nach Hause mitbringen, die ihm übler bekommen würde, da er sich keine Kunstwelt zu schaffen wüßte. Von der Kunst habe er nie kühler gedacht als hier; sie sei von einer schönen Blüthe des menschlichen Bestrebens zu einer Blumenfabrik wie der von Bertuch und G. M. Kraus gesunken. G. als artifex müsse H. nach seiner Rückkehr erzählen, was er gesehen habe. H. fürchte, G. tauge nicht mehr für Deutschland, während er selbst nach Rom gereißt sei, um ein ächter Deutscher zu werden. Scherzhafter Plan einer neuen germanischen Völkerwanderung. Klage über die Kälte. Grüße an Herzog Karl August und Herzogin Luise.

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