Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 27. September 1786

Padua d. 27. Mittag. Heute früh ward noch einigs nachgehohlt. aus dem BotanischenGarten vertrieb mich ein Regen. Ich habe drin schöne Sachen gesehn und dir zum Scherz einiges eingelegt. Der fremden Sachenlaßen sie viel im Lande stehn gegen Mauern angelehntoder nicht weit davon und über bauen alsdann das Ganze gegenEnde Oktobers und heitzen es die wenigen Wintermonate. Abends. 27. S. Wie gewöhnlich meine liebe wenn das Ave Maria della Sera gebetet wird wend ich meine Gedancken zu dir; ob ich michgleich nicht so ausdrücken darf, denn sie sind den ganzen Tagbey dir. Ach daß wir doch recht wüßten was wir an einanderhaben wenn wir beysammen sind. Auch hab ich heut die Wercke des Palladio gekauft einen Folioband. Zwar nicht die erste Ausgabe aber einen sehr sorgfältigenNachdruck den ein Engländer besorgt hat. Das muß man denEngländern lassen daß sie von lang her das Gute zu schätzengewußt haben. Und daß sie eine vornehme Art haben vornehm zu seyn. Heute hab ich die Statuen auf dem Platze nochmals durchgesehn, sie sind meist von Partikuliers und Zünften auch Fremdengesetzt. So hat der König von Schweden Gustav Adolphen hinsetzenlaßen, weil man sagt, er habe einmal in Padua eine Lecktion angehört. Der Erzherzog Leopold dem Petrarch und Galiläi.u. s. w. Die Statuen sind in einer modernbraven Manier gemacht.Wenige übermanierirt, einige recht natürl. Die Innschrifftengefallen mir auch recht wohl, sie sind lateinisch undist nichts abgeschmacktes oder kleines darunter. Päpste und Dogen stehen an den Eingängen. Es kann ein recht schöner Platz werden wenn sie die hölzerne Fiera wegschaffen und eine vonStein jenseits des Platzes bauen wie der Plan seyn soll. Heute Abend setzte ich mich in die Kirche der Hl. Justina diezwar in keinem grosen Geschmack aber doch groß und Einfach gebaut ist, in einen Winckel und hatte meine stille Betrachtungen.Da fühlt ich mich recht allein, denn kein Mensch auf derWelt der in dem Augenblick an mich gedacht hätte, würde michin diesem Winckel gesucht haben. Die Stadt ist groß und wenig bevölckert jetzt noch leerer, da Vakanzen der Schule sind und der Adel auf dem Lande wohnt.Man muß sich deswegen an die Vorfahren auf dem Prato dellaValle halten. Schöne Bestätigungen meiner Botanischen Ideen hab ich wiedergefunden. Es wird gewiß kommen und ich dringe noch weiter. Nur ists sonderbar und manchmal macht michs fürchten, daß sogar viel auf mich gleichsam eindringt dessen ich mich nichterwehren kann daß meine Existenz wie ein Schneeball wächst,und manchmal, ists als wenn mein Kopf es nicht fassen nochertragen könnte, und doch entwickelt sich alles von innen heraus, und ich kann nicht leben ohne das. In der Kirche der Eremitaner habe ich Gemälde von Mantegna eines der älteren Mahler gesehen vor denen ich erstaunt bin!Was in den Bildern für eine scharfe sichre Gegenwart ist läßtsich nicht ausdrücken. Von dieser ganzen, wahren, |: nicht scheinbaren, Effecktlügenden, zur Immagination sprechenden :| derben reinen, lichten, ausführlichen gewißenhaften, zarten, umschriebnen Gegenwart, die zugleich etwas strenges, emsiges,mühsames hatte gingen die folgenden aus wie ich gestern Bildervon Titian sah und konnten durch die Lebhafftigkeit ihres Geistes,die Energie ihrer Natur, erleuchtet von dem Geister der Alten immer höher und höher steigen sich von der Erde hebenund himmlische aber wahre Gestalten hervorbringen. Es ist dasdie Geschichte der Kunst und jedes der einzelnen grosen erstenKünstler nach der barbarischen Zeit. Die Baukunst steht noch unendlich weit von mir ab, es ist sonderbar wie mir alles darin so fremd, so entfernt ist, ohne mir neuzu seyn. Ich hoffe aber auch diesmal wenigstens in ihre Vorhöfegelassen zu werden. ═══ Nun wäre auch hier einmal wieder eingepackt und morgen früh gehts auf der Brenta zu Wasser fort. Heute hats geregnet nun istswieder ausgehellt und ich hoffe die Lagunen und die ehmalstriumphirende Braut des Meers bey schöner Tagszeit zu erblickenund dich aus ihrem Schoos zu begrüßen jetzt gute Nacht.

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