Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 7. Oktober 1786

d. 7 früh. Heute hab ich keinen Vers an der Iphigenie hervorbringen können,darum will ich dir gleich schreiben damit ich doch meineerste Tageszeit gut anwende. Gestern Nacht sah ich Elecktra von Crebillon auf dem TheaterSt. Crisostomo. versteht sich übersetzt. Was mir das Stük abgeschmacktvorkam und wie es mir fürchterliche Langeweilemachte, kann ich nicht sagen. Die Akteurs sind übrigens bravund das Publikum mit einzelnen Stellen abzuspeisen. Orest hat allein drey verschiedne Erzählungen |: poetisch aufgestutzt :| inEiner Scene, und zulezt wird er zum rasend werden rasend. DieElecktra ist wie die Bechtolsheim, nur gröser, stärker, hat einenguten Anstand, spricht die Verse schön nur immer von Anfangbis gegen das Ende toll, wie es leider die Rolle verlangte. Indessen hab ich doch wieder gelernt. Der Italiänische immer eilfsilbige Jamb hat grose Unbequemlichkeiten, in der Deklamation,weil die letzte Sylbe immer kurz ist und also Widerwillen des Deklamators immer in die Höhe schlägt. Auch habich mir überlegt, daß ich mit dieser Truppe und vor diesem Volcke, wohl meine Iphigenie spielen wollte, nur würd ich einsund das andre verändern, wie ich überhaupt hätte thun müssen,wenn ich sie auch unsern Theatern, und unserm Publiko hättenäher bringen wollen. Aber ach. Es scheint daß der letzte Funken von Anhänglichkeit ans Theter ausgelöscht werden soll. Du glaubst nicht, wie mirdas alles so gar leer, so gar nichts wird. Auch fang ich nun an zubegreifen wie Euripides von der reinen Kunst seiner Vorfahren herunter stieg und den unglaublichen Beyfall erhielt. Man mußnur sehen, wenn man Augen hat und alles entwikelt sich. Abends Wenn ich dir nicht zu erzählen hätte, ich wäre nicht nach Hausegegangen. Der Vollmond, an einem ganz reinen Himmel, überden Lagunen, den Inseln, der sonderbaren Stadt, macht ein Herrliches Schauspiel, der Platz sieht wie eine seltsame Operndekorationaus und alles ist voll Menschen. Nun in der Ordnung. Heut früh war ich bey dem hohen Amte das der Doge, an diesemTage, wegen eines alten Türcken Sieges, abwarten muß. Es ward in der Kirche der Heil. Justina gehalten. Wenn die vergoldeten Barcken ankommen, die ihn und einenTheil des Adels bringen, die seltsam bekleideten Schiffer sichmit ihren rothen Rudern bemühen, am Ufer die Geistlichkeit,die Brüderschafften mit denen hohen auf Stangen und tragbaren langen silbernen Leuchtern gesteckten Wachskerzen stehen unddrängen und warten, und die langen Violeten Kleider der Savii,dann die langen rothen der Senatoren auftreten und endlich derAlte im langen goldnen Talar mit dem Hermelin Mantel aussteigt,drey sich seiner Schleppe bemächtigen, und dann wieder soviel Nobili folgen, alles vor dem Portal einer Kirche, vor derenThüre die Türckenfahnen gehalten werden; so glaubt man aufeinmal eine alte Gestickte Tapete zu sehn, aber eine recht gutgezeichnete Tapete. Mir nordischen Flüchtling hat diese Cärimonie viel Freude gemacht. Bey uns, wo alle Feylichkeiten kurzröckig sind, und wodie grösten, die man sich dencken kann, mit dem Gewehr aufder Schulter begangen werden, mögte so etwas nicht am Orte seyn: aber hier her gehören diese Schleppröcke und diese friedlicheBegehungen. Der Doge ist ein gar schön gewachsner und schön gebildeter Mann. Man sieht ihm aber an daß er kranck istund sich nur noch so um der Würde willen unter dem schweerenRocke grad hält, sonst sieht er eben aus wie der Grospapavom ganzen Geschlechte, und ist gar hold und leutseelig. Die Kleidung steht sehr gut. Das Läpgchen unter der Mütze beleidigt nicht, indem es ganz fein durchsichtig ist und auf denweisesten, klärsten Haaren von der der Welt ruht. Etwa fünfzig Nobili in langen dunkelrothen Kleidern waren mitihm, meist schöne, keine einzige vertrackte Gestalt. Mehreregroß, mit großen Köpfen, vorgebauten Gesichtern, weis, weich,ohne schwammig, oder fatal satt auszusehn. Vielmehr klug ohneAnstrengung, ruhig selbst gewiß. Leichtigkeit des Daseyns und durchaus eine gewiße Fröhlichkeit. Wie sich alles in der Kirche rangirt hatte und die Messe anfing,zogen die Brüderschafften zu Haupthüre herein und zur rechtenSeiten thüre hinaus, nachdem sie Mann für Mann, oder vielnehr Paar und Paar das Weyhwaßer empfangen und sich gegen den Hochaltar, den Doge und den Adel geneigt hatten. Ich sah den Pallast Pisani. Schade daß man ihm das republikanische so sehr anspürt und doch ist auch das gut. Nach und nachgebaut, wegen nachbarlicher Hinderniße nicht ausgeführt, sehrhoch pp. eine schöne Aussicht über ganz Venedig ist auf dem Dache. Schöne Zimmer auch angenehm bewohnbar, obgleichnicht viel raffinirte Degagements, davon man ohnehin vor altenZeiten wenig wußte und was hier ist, ist alles alt. |: Versteht sichvon der Anlage :| Hier bemerck ich eine schöne Art Estrich, den ich öffter gesehn habe. sie machen alle Arten Granit und Porphyr recht schön,auch wohl mit etwas phantastischen Farben nach, und die Bodensind reinlich und glänzend gehalten. Scuola di St. Marco. Schöne Gemählde von Tintorett. den ichlange lieb habe und immer mehr lieb gewinne. Ballon. Wie in Verona. Es waren zwey die exzellent schlugen.Das Publicum wettete und hatte große Freude. Und der gemeinstehatte ein Wort mit zu reden. Heut Abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schifferbestellt, die den Tasso und den Ariost auf ihre Melodie singen. bey Mondenschein bestieg ich eine Gondel, einen Sänger vornden andern hinten die ihr Lied anfingen und abwechseld Versnach Vers sangen. Die Melodie, die wir durch Rousseau kennen,ist eine Art zwischen Choral und Recitativ. sie behält immerdenselbigen Gang, ohne einen Tackt zu haben, die Modulation ist auch immer dieselbige nur wenden sie, ie nach dem Innhaltdes Verses, mit einer Art Deklamation sowohl Ton als Maas. Der Geist und das Leben davon ist aber eigentlich dieses. Wie sich die Melodie gemacht hat will ich nicht untersuchen,genug sie paßt trefflich für einen müsigen Menschen, der sichwas vor modulirt und Gedichte die er auswendich kann diesem Gesange unterschiebt. Mit einer durchdringenden Stimme |: dasVolck schätzt Stärcke vor allem :| sitzt er am Ufer einer Insel eines Canals, auf einer Barcke, und läßt sein Lied schallen soweiter kann. Uber dem Stillen Spiegel verbreitet sichs weit. In derFerne vernimmts ein andrer, der die Melodie kennt, die Worte versteht und antwortet mit dem folgenden Verse, der erste diesemwieder und so ist einer immer das Echo des andern und derGesang währt Nächte durch unterhält sie ohne sie zu ermüden.Je ferner also sie von einander sind desto reitzender ist das Lied, wenn der hörer zwischen ihnen beyden ist, steht er am rechten Flecke. Um mich dieses hören laßen stiegen sie am Ufer derGiudecka aus, sie theilten sich am Canal hin, ich ging zwischenihnen auf und ab, so daß ich immer den verlies der zu singenanfangen sollte und und dem wieder näherte der aufhörte. Daward mir der Sinn des Gesangs erst aufgeschloßen. Und alsdann, als Stimme aus der Ferne klingt es sonderbar, wie eine Klageohne Trauer – und hat etwas unglaublich, biß zu Trähnen rührendes.Ich schrieb es meiner Stimmung zu, aber mein Alter sagte auf dem Hauswege: é singolare come quel canto intenerisce,é molto piu quando é piu ben cantato. Er erzählte mir daß man die Weiber vom lido, besonders die äussersten von Malamoccound Palestrina müsse singen hören, sie sängen den Tassoauch auf diese und ähnliche Melodien. Sie haben die Gewohnheit,wenn ihre Männer aufs Fischen im Meer sind, sich ansUfer zu setzen und mit durchdringender Stimme Abends diese Gesänge zu singen, biß sie auch von ferne die Stimme der Ihrigenwieder hören und sich so mit ihnen unterhalten. Findst dudas nicht schön? sehr schön! Es läßt sich leicht dencken daß einnaher Zuhörer wenig Freude an diesen Stimmen haben mögte,die mit den Wellen des Meers kämpfen. Aber wie menschlich und wahr wird der Begriff dieses Gesangs. Wie lebendig wirdmir nun diese Melodie, über deren Todten Buchstaben wir unssooft den Kopf zerbochen haben. Gesang eines Einsamen in die Ferne und Weite, daß ihn ein andrer gleichgestimmter höre, undihm antworte. Warum kann ich dir nicht auch einen Ton hinüber schicken, den du in der Stunde vernähmest und mir antwortetest. Gute Nacht meine Liebe ich bin müde vom vielen Laufen undbrückensteigen. Gute Nacht.

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