Normalzeugnis Zeugnis
Merck an Nicolai 19. 1. 1776 (Wagner3 S. 131)
Mir thuts leid, daß Sie von Einem meiner Freunde gekränkt werden und daß dies durch die niederträchtige Hände von Zuträgern und Anekdoten-Sammlern geschieht. Haben Sie denn nicht schon längstens den Menschen verachtet, der so Etwas fähig ist? Entweder ist es Schaden-Freude, oder Willen, Goethen zu schaden. – Freundschaft kanns nicht seyn, die Mährchen und Tischreden zuträgt. Was wird von dem sonderbaren Menschen nicht Alles erzählt! Wär’ Er Ich, so hätt’ ich ihm längst die Imputation gemacht, so aber kann ich von ihm auch gegen mich nichts Anderes sagen als: Dies thut wohl, und jenes weh. Er folgt ganz seiner Laune, unbekümmert über die Folge Ihrer Moralität, allein was er auch über Sie gesprochen und geschrieben haben mag, so ists Nichts als faunischer Muthwillen. – Zu rachsüchtigen Absichten, deren Ausgang Pasquillen und Trätschereyen wären, dazu hat er erstlich nicht die Seele, und 2tens nicht die Zeit, weil sein Kopf voll immer neuer Träumereyen schwirbelt. Von dem neuen Pasquill hab’ ich nirgends kein Wort gehört, und kann auf meine Ehre versichern, daß ich Nichts davon weiß. Ein Buch ließ sich von allen dem Thörichten und Bösen schreiben, was seine Landsleute selbst in Frankfurt und 3 Meilen von da mir selbst als Geheimnisse anvertraut haben, die wenn sie wahr wären, ihn seines Bürger-Rechts verlustig und vogelfrey erklärten; wovon aber Gottlob kein Jota wahr ist. Ich habe mich (ich will es denn einmal gestehen) für Sie, weil ich Sie kenne, gegen Andre die im Irrthum waren, oft heischer gepredigt, und am Ende Nichts als Undank verdient. Ich mag nun für Goethe die Litaney nicht wieder anfangen, allein das muß ich Ihnen doch aufrichtig versichern, daß er mit Wieland nicht spielt, daß er vielen Muthwillens, aber keiner Duplicität fähig ist, und daß wenn Sie mit ihm auf einige Abende nur so nahe wie Wieland zusammengesperrt würden, sie einander ... lieb gewinnen würden ...
Wenn Sie wüßten, wie ich oft mit ihm über Rationem artis disputire, und Sie sähen den Burschen im Schlaf-Rock und Nachtwamms der bonhommie, er würde Ihnen gefallen. Sein Faust ist aber ein Werk, das mit der größten Treue der Natur abgestohlen ist, und die Stella wie Clavigo sind aufrichtig Nichts weiter als Nebenstunden. Ich erstaune, so oft ich Ein neu Stück zu Fausten zu sehn bekomme, wie der Kerl zusehends wächst, und Dinge macht, die ohne den großen Glauben an sich selbst, und den damit verbundenen Muthwillen ohnmöglich wären. Dies Alles, was ihn angeht, sub rosa.
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